Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Franz Schubert

 

4. Sinfonie c-Moll D. 417

 

Adagio molto, Allegro vivace – Andante – Menuetto, Allegro vivace – Allegro

 

Schubert schrieb seine 4. Sinfonie 1816 im Alter von 19 Jahren. Der Beiname Tragische stammt nicht, wie so oft bei Dedikationen, von Verlegern, sondern vom Komponisten selbst. Der Kopfsatz steht im Beethovenschen c-Moll und könnte an die Stimmungen von Pathos und Erregung erinnern, weniger an bestimmte tragische Momente. Insofern sollte man dem Begriff „Tragische“ keine besondere Bedeutung beimessen. Viel zutreffender wäre jedoch die Bezeichnung „dramatisch“, diese passt, abgesehen vom langsamen Satz, auf die drei restlichen Sätze.

 

Der Kopfsatz beginnt mit einer langsamen Einleitung, so kennt man es bereits von einigen Sinfonien von Haydn, Mozart und Beethoven, die von Wiener Liebhaber-Orchestern aufgeführt wurden. So z. B. im Hause des Spediteurs Atton Pettenkofer, Schubert wirkte dort zeitweise als Bratschist mit und lernte dabei aktuelle Orchesterwerke kennen. Beethoven-Kompositionen in c-Moll waren damals schon erschienen und auch aufgeführt: z. B. die große Klaviersonate op. 13, die den Namen „Pathetique“ trug, oder die Konzert-Ouvertüre op. 62 namens „Coriolan“. Nicht unerwähnt bleiben sollte die 5. Sinfonie c-Moll op. 67, die als „Schicksals-Sinfonie“ bekannt und berühmt wurde. Ob sie Schubert erlebt oder mittels einer vierhändigen Fassung gespielt und kennengelernt hat, ist nicht bekannt.

 

Kehren wir zum Kopfsatz zurück. Die bis dato ungewöhnlich langsame Einleitung beginnt mit einem langen ff-Akkord auf C des ganzen Orchesters einschließlich eines Paukenwirbels, dessen Intensität abnimmt. Ein Motiv, hauptsächlich bestehend aus aufsteigender kleinen Sexte, durchzieht die 29 Takte der Einleitung, abwechselnd von Streichern und Holzbläsern durchgeführt, eine düstere Stimmung verbreitend. Das folgende stürmische Allegro vivace ist im bekannten Sonatensatz – mit Wiederholung der Exposition – geformt. Drei Themen werden mehrmals abwechselnd durchgeführt. Einige Dirigenten beschleunigen ab T. 268, kurz vor Ende des Satzes, das Tempo.

 

Der 2. Satz (As-Dur), obwohl Andante überschrieben, wird oft als Adagio gespielt und kann so etwas lahm klingen. Als Kontrast im folgenden B-Teil bringt Schubert eine aufsteigende Tonleiter in f-Moll – dunkle Einfärbung, die in ein Drei-Ton-Motiv (es-fes-es oder ces-d-ces) mündet. Holzbläser und Geigen wechseln sich immer wieder ab und durchschreiten dabei mehrere Tonarten. Danach wird ein weiteres Drei-Ton-Motiv (des-c-b oder c-b-as) durchgeführt. Mit T. 110 beginnt erneut der A-Teil in As-Dur, der dann wiederum von Teil B abgelöst wird, nun jedoch statt f-Moll nach b-Moll ausweicht. T. 216 bringt Schubert zum dritten Mal den As-Dur Abschnitt, so ergibt sich ein Form-Schlüssel von ABABA. Mit einer 16-taktigen Coda in As-Dur mit Material aus dem A-Teil endet stimmungsvoll der langsame Satz. Bei einigen Dirigenten ist es der längste Satz dieser Sinfonie, wenn die Wiederholungen in Kopf- und Finalsatz übergangen werden.

 

Schubert hat den dritten Satz wie in allen seinen zuvor komponierten Sinfonien als Menuetto überschrieben, obwohl die Musik in ihrem robusten und ruhelosen Gewand mit dem überkommenen Tanztyp kaum noch etwas gemeinsam hat. Eher jedoch das eingeschlossene Trio mit seinen wiegenden Melodien.

 

Die 4. Sinfonie schließt mit einem schnellen Sonatensatz mit drei Themen und einer ungewöhnlich langen Exposition von 194 Takten, die auch wiederholt werden soll. Von den Tonarten her hat sich Schubert seinem Vorbild Beethoven genähert: von c-Moll über Es-Dur nach C-Dur, von „Nacht zum Licht.“

 

Wie oben erwähnt verlangen die Ecksätze jeweils eine Wiederholung der Exposition, folgerichtig wird die Spielzeit um je drei Minuten verlängert. Außerdem folgt der Komponist der Gepflogenheit, im tänzerisch geprägten Satz (=Menuett oder Scherzo) im A-Teil beide Abschnitte zu wiederholen. Dasselbe gilt für das eingeschlossene Trio (B). In den von mir untersuchten Aufnahmen werden alle Wiederholungen des dritten Satzes ausgeführt. Die Wiederholung der Exposition im Kopfsatz sowie entsprechend im Finale werden heutzutags von den jüngeren Dirigenten beachtet, die älteren bzw. nicht mehr lebenden, verzichte(te)n darauf.

 

Wer es genau wissen möchte siehe hier:

Aufnahmen ohne W im 1. Satz: Klemperer-50, Böhm, van Beinum, Boult, Jochum, Süsskind, Barbirolli, Rosbaud, Hollreiser, Karajan, Markevitch, Kubelik, Münchinger, Perlea, Giulini (nur-68), Dixon, Kertesz, Maag und Maazel.  

 

Die Wiederholung im Finale hört man bei: Blomstedt-22, Harnoncourt, Muti, P. Järvi, C. Davis, Marriner, Zinman, Zender, Nott, Barenboim, Keitel, Herreweghe, Dausgaard, Immerseel, Jacobs, Manacorda, Goodman, Heras-Casado und Gaigg. Alle anderen Interpreten verzichten.

 

 

5

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Eterna         Berlin Classics

1980

30‘19

 

 

I W, E schwerblütig, jedoch auch facettenreich, darstellerische Konzentration, straffes Tempo, II Synthese zwischen klassischer Klarheit und organischem Musizieren, mit Nachdruck, III Trio langsamer, beste Transparenz, IV mit Druck, stellenweise auch klangliche Schärfe, farbenreich, souverän mit viel Spannung – gute Balance und Transparenz

 

5

Paavo Järvi

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Sony

P 2025

31‘31

 

 

aufmerksame Umsetzung der Partitur, akzentuiertes Musizieren, Stimmführungen immer deutlich, Höchstmaß an Transparenz, I W, II A und B heben sich deutlich voneinander ab, III leicht und locker, IV W, vehementer Zugriff

 

5

Günter Wand

Kölner Rundfunk Sinfonie-Orchester

DHM       RCA

1980

28‘05

 

 

I W, E mit Hingabe, HT kraftvoll, vorwärtstreibend, Klangbild etwas dicht, II Andante, durchgehend fließendes Musizieren, sehr gute Transparenz, III schwungvoll, nuancenreich, IV ausgelassen, mit Empathie

 

5

Otto Klemperer

Concertgebouw Orchester Amsterdam

archiphon

1957

28‘50

 

 

live,

 

5

Adrian Boult

London Philharmonic Orchestra

Concert Hall            EMI

1959

25‘36

 

 

I E Stimmführungen gut zu verfolgen, HT mit emotionsgeladener Kraft, zielgerichtet, II den Anforderungen der Partitur gerecht werdend, gute Balance und Transparenz, III Menuett und Trio im selben Tempo, IV pulsierendes Musizieren

 

5

Wolfgang Sawallisch

Staatskapelle Dresden

Eterna        Philips        Decca

1971

30‘18

 

 

I W E ernsthaft, gewichtig, HT Allegro molto, vehementer Zugriff, keine virtuose Selbstdarstellung, II nuancierte Darbietung, feinfühlige Übergänge, III elastisches Musizieren, IV fließend, von musikalischer Energie sprühend

 

5

Neville Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields

Philips

1982

32‘09

 

 

alle W, I E etwas wie geschäftig, HT Allegro molto, erfrischend, delikat, ansteckende Spiellaune, II lyrisch feinfühliges Musizieren, III Menuett und Trio gut gegenübergestellt, IV stringendes Musizieren – Marriner entdeckt oder vermittelt keine Tragik

 

5

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

RCA

2012

30‘35

 

 

alle W, I E Andante, Akkorde T. 1 und T. 10 ohne dim, geschmeidiges Musizieren, zielstrebig nach vorn, T. 151 deutlicher Einsatz des Fagotts, ab T. 268 schneller, II trotz straffen Tempos wird die Interpretation doch gelassen, III Menuett Allegro molto, geglättet, IV bewegtes Musizieren, farbenreich, Bläser immer deutlich – insgesamt souverän und elegant

 

 

  

 

4-5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1952

28‘25

 

 

I E spannungsreich, schwerblütig, HT markant akzentuiert, con spirito, profiliertes Spiel, II feinfühliger Umgang mit dem Notentext, III etwas schwerfällig, IV aufmerksames Dirigat, Musik durchgezogen

 

4-5

Herbert Blomstedt

Bamberger Symphoniker

Rundfunkaufnahme BR   unveröffentlicht

2022

35‘30

 

 

live, I W, deutlicher Tempogegensatz zwischen Einleitung und Hauptteil, im Klang etwas weicher als vorher in Dresden, II etwas langsamer, fast schon schleppend, III Blomstedt lässt auch die W nach dem Trio, die üblicherweise übergangen werden, spielen, IV W, mit langem Atem

 

4-5

Otto Klemperer

Orchestre Lamoureux Paris

Vox    Archipel

1950

25‘54

 

 

 

4-5

Igor Markevitch

Berliner Philharmoniker

DGG

1954

27‘00

 

 

I E streng, HT Allegro molto, scharfe Klanglichkeit, facettenreich, II ernste Stimmung, in großen Bögen, III sehr schnell für ein Menuett, Trio etwas zurückhaltend, IV straff, prägnant mit Hingabe

 

4-5

Rafael Kubelik

Wiener Philharmoniker

EMI

1960

27’55

 

 

I E ernsthaft, HT mit Hingabe, sprechende Artikulation, II intensiv gestaltet, innig, ungekünstelt, III Menuett und Trio gut gegenübergestellt, IV von musikalischer Energie sprühende Interpretation

 

4-5

Eugen Jochum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips           Decca

1960

28‘15

 

 

I E gewichtig, HT schwerblütig, wenig locker, II empfindsames Musizieren, III Trio etwas langsamer, IV vehementer Zugriff, pointierte Dramatik

 

4-5

Istvan Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca

1970

26‘15

 

 

I E schwerblütig, HT Allegro molto, dramatische Art, mit Hingabe, II A- und B-Teile gut voneinander abgehoben, mit Feingefühl, III Allegro molto, fast atemlos, Trio langsamer, IV von musikalischer Energie sprühend

 

4-5

Karl Münchinger

Wiener Philharmoniker

Decca

1963

27‘20

 

 

I E schwerblütig, HT Allegro molto, spürbare Vitalität, pulsierendes Spiel, II sprechende Artikulation, ausgewogen zwischen A und B, III elastisches Musizieren, ansteckende Spielfreude

 

4-5

Colin Davis

Sächsische Staatskapelle Dresden

RCA

1995

33‘26

 

 

alle W, I E Akkorde T. 1 und T. 10 ohne dim, schwerblütig, HT T. 151 deutlicher Einsatz des Fagotts, rhythmischer Schwung, gewichtig, II mit spürbarer Hingabe, darstellerische Konzentration, III Menuett und Trio sehr ähnlich, IV dramatisch, kaum tragisch, auftrumpfend zum Satzende – ziemlich offenes und farbiges Klangbild

 

4-5

Lorin Maazel

Berliner Philharmoniker

DGG

1959

27‘34

 

 

I E tragische Art, HT Allegro molto, orchestrale Vehemenz, deutliches Fagott ab T. 151, II, klangvoller Espressivo-Stil, ausgewogen, III Menuett und Trio gut voneinander abgesetzt, moderat, IV locker, geschmeidig – insgesamt gute Balance und Transparenz

 

4-5

Hans Zender

SWF Sinfonie-Orchester Baden-Baden und Freiburg

hänssler

1996

34‘45

 

 

alle W, I E Akkorde T. 1 und T. 10 ohne dim, HT Allegro molto, straff, schwungvoll, energisch nach vorn, ab T. 268 schneller, II natürlich musikalischer Fluss, schnörkellose Klarheit, III Menuett, kein Scherzo, ausgewogen, IV ansteckende Spielfreude, Dramatik versus Tragik

 

4-5

John Barbirolli

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

ica classics

1969

27‘49

 

 

live, I entschiedener Zugriff, deklamentorische Brillanz, ausdrucksstark, Bläser nicht vergessen, II klangvoller Espressivo-Stil, III Menuett: facettenreich, Trio etwas langsamer, IV con spirito

 

 

   

 

4

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1971

29‘29

 

 

I E schwerblütig, HT langsam, gezogen, ohne Nachdruck, etwas zäh, II Adagio, Musik bleibt fast stehen, kein jugendlicher Schubert, III etwas wie statuarisch, IV eher sachlich als temperamentvoll – insgesamt etwas vorsichtig

 

4

Carlo Maria Giulini

Chicago Symphony Orchestra

DGG

1978

31‘49

 

 

 

4

Carlo Maria Giulini

New Philharmonia Orchestra London

BBCL

1958

26‘51

 

 

live,

 

4

Carlo Maria Giulini

Symphonieorchester des Bayer. Rundfunks

Konzertmitschnitt            Sony

1993

33‘56

 

 

live,

 

4

Lorin Maazel

Symphonieorchester des Bayer. Rundfunks

BR Klassik

2001

28‘28

 

 

live, I ähnlich der früheren Aufnahme, Maazel tritt etwas zurück, ohne sich zu sehr zu distanzieren, II Dirigent hütet sich vor emotionsgeladenem Vortrag, III Menuett mit klanglicher Wucht, Trio langsamer, IV motorisches Musizieren im Vordergrund

 

4

Walter Süsskind

London Symphony Orchestra

Mercury       forgotten records

1958

27‘11

 

 

I E Andante, 32tel-Triolen der Klarinetten und Flöten überspielt, HT deutliche Stimmführungen, insgesamt jedoch etwas grob, II Dynamik nach Partitur, III geschwind, auch im Trio, IV Dirigent neigt zum Auftrumpfen

 

4

Wilhelm Keitel

Putbus Festival Orchestra

Arte Nova

P 1995

30‘28

 

 

alle W, I E pochende Achtel lassen aufhorchen, HT erfrischend, ab T. 268 schneller, jedoch zu knallig, enges Klangbild, II nicht weihevoll zelebriert, hohe Präsenz der Bläser, III Menuett: Musik überfahren, wie hingeknallt, Trio verbindlicher, IV Allegro molto, ungeduldig, atemlos, Musik klingt etwas mechanisch, auch oberflächlich, erster Teil der Durchführung langsamer als Exposition und Reprise

 

4

John Barbirolli

Philharmonic Symphony Orchestra of New York

Victor    HMV

1939

29‘27

 

 

I molto Adagio, spannungsvoll, HT pointierte Dramatik, II gefühlvoll, jedoch etwas gezogen, III Menuett und Trio deutlich gegenübergestellt, IV frisches Musizieren, Balance nicht immer top

 

4

Jonathan Nott

Bamberger Symphoniker

Tudor

2003

33‘40

 

 

alle W, I E ernsthaft, pathetisch, HT etwas schwerblütig, spröde, mechanisch, II natürlich musikalischer Fluss, jedoch auch etwas gezogen, farbenreich, III ausgeglichen, Trio etwas langsamer, IV markant akzentuiert, vehementer Zutritt, auch etwas robust – Klang von hoher Dichte

 

4

Jan Willem de Vriend

Residentie Orkest Den Haag

Challenge

20‘17

29‘15

 

 

I E Akkorde T. 1 und T. 10 ohne dim, sachlich, Flöten T. 16-20 zu leise, HT schlank, präzise Tongebung, Dirigent hält sich zurück, offenes Klangbild, ab T. 268 schneller, II die große Linie, schnörkellose Klarheit, sachlich, ausgewogen, III objektiv, IV fast atemlos voran, sehr unruhig, Akkorde wie hingeknallt

 

4

Riccardo Muti

Wiener Philharmoniker

EMI

1987

32‘00

 

 

I W Andante, breites Klangbild, 32tel der Klarinette und Flöte kaum zu hören, gewichtige Tutti-Akkorde, HT viel Dramatik, weniger Tragik, insgesamt etwas grob, wenig Schliff, II Abschnitte in B anfangs kräftig, zupackend, routiniert, III Menuett bei lauten Stellen wie gehämmert, grob, IV W Allegro molto, laute Tutti-Stellen zu kräftig, äußerliches Musizieren – Aufnahme hinterlässt keinen bleibenden Eindruck

 

 

   

 

3-4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1978

27‘57

 

 

I E Flöten T. 16 ff. kaum zu orten, HT Allegro molto, aufgeblasenes Klangbild, herabgesetzte Transparenz, oberflächliche Brillanz, II geglättet, III Menuett mit klanglicher Wucht, IV knallige Tutti-Stellen – Aufnahme hinterlässt keinen bleibenden Eindruck

 

3-4

Daniel Barenboim

Berliner Philharmoniker

CBS       Sony

1986

36‘05

 

 

alle W, I E T. 1 ohne dim. schwerblütig, gewichtig, Flöte T. 16-26 zu leise, HT Musik teilweise auftrumpfend, großformatig, Klang von hoher Dichte, besonders bei Tutti-Stellen, II mit breitem Pinsel, Musik läuft wie von selbst, III Trio etwas langsamer, IV fließendes Musizieren, erinnert an ein Perpetuum mobile, Akkorde oft zu grob – Lautstärke meistens zu pauschal

 

3-4

Heinrich Hollreiser

Bamberger Symphoniker

Panteon               Opera         forgotten records

1955

28‘18

 

 

I E Andante, 32tel-Triolen der Klarinetten und Flöten überspielt, etwas pauschal, HT nivellierend, H. lässt die Musik laufen, II Partitur kann Dirigenten nicht herausfordern, III schnelles Menuett, Trio etwas langsamer – Aufnahme hinterlässt keinen bleibenden Eindruck

 

3-4

Jonel Perlea

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

Bertelsmann     forgotten records

1954

30‘41

 

 

I E lastend, HT mit Hingabe, Tutti-Stellen leider kompakt, II A wie ein Trauermarsch, zäh, B ein wenig schneller, III Menuett Allegro molto, Trio etwas langsamer, IV entschieden voran, jedoch etwas einfallslos

 

3-4

Dean Dixon

Royal Philharmonic Orchestra London

Westminster    forgotten records

1953

30‘09

 

 

I E Diminuendi in T. 1 und 10 nicht beachtet, fortlaufende Achtelbegleitung der Streicher zu sehr im Vordergrund, HT vehementer Zugriff, robuster Ansatz, II gezogen, Musik tritt auf der Stelle, kompakter Klang, III etwas spröde, IV hellwach, zupackend, jedoch etwas grob

 

 

   

 

3

Peter Maag

Philharmoia Hungarica

Vox    Documents

1969

30‘49

 

 

I E langsam, puristische Strenge, HT klangvoller Espressivo-Stil, teilweise auch etwas phlegmatisch, laute Tutti-Abschnitte pompös, II gezogen, etwas zu laut, schwerfällig, jedoch auch gefühlvoll, klares Klangbild, III Lautstärke etwas pauschal, nicht mit höchster Präzision, IV interpretatorische Lücken – Fazit: Darstellung klingt etwas amateurhaft

 

 

Interpretationen nach historischer Aufführungspraxis, teilweise mit Originalinstrumenten:

   

 

5

Philippe Herreweghe

Royal Flemish Philharmonic

PHI

2015

32‘02

 

 

alle W, I E T. 1 und T. 10 ohne dim, HT Allegro molto, dramatisch, prickelnd, deklamatorische Brillanz, II nuanciertes Spiel der Klangfarben, mit Feingefühl, atmosphärisch dicht, IV schwelgerisch, spürbare Vitalität, wie ein Sog, Musik wie atemlos durchgezogen

 

5

Thomas Dausgaard

Schwedisches Kammerorchester

BIS

2011

29‘22

 

 

alle W, I E T. 1 und T. 10 ohne dim, hier auch „gehackte“ Achtel, Dirigent spart nicht an Dramatik, HT aufgewühlt, ausdrucksstark, ab T. 268 schneller, II sehr bewegt, nuanciertes Spiel, Spannungsbögen werden gehalten, gute Balance zwischen Bläsern und Streichern, III auftrumpfend, Menuett und Trio im selben Tempo, IV fast atemlos, T. 373 ff. nachschlagende Hörner – persönlichkeitsstarke Interpretation

 

 

   

 

4-5

Nikolaus Harnoncourt

Berliner Philharmoniker

Teldec

1995

33‘30

 

 

live,

 

4-5

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Teldec

1992

30‘56

 

 

 

4-5

Nikolaus Harnoncourt

Chamber Orchestra of Europe

ica classics

1988

30‘27

 

 

live,

 

4-5

Roger Norrington

London Classical Players

Virgin           EMI

1990

27‘31

 

 

I E T. 1 und T. 10 ohne dim, klar, ohne Vibrato, HT zielstrebig voran, schlankes Musizieren, II bewegt, farbenreiches Klangbild, III Menuett Allegro molto, etwas rustikal, Trio bleibt im Tempo, IV orchestrale Vehemenz, festlicher Glanz des Blechs, geschmeidig, stellenweise aufdringliche Pauke

 

4-5

Roy Goodman

The Hanover Band

Nimbus       Brillant

1988

30‘38

 

 

alle W, I E eher sachliches Musizieren, HT molto Allegro, Abschnitte klingen immer ähnlich, ab T. 268 schneller, II Musik immer im Fluss, Bläser vorn, empfindsames Musizieren, IV die unterschiedlichen Aggregatzustände der Musik gut getroffen – durchweg klares Klangbild, gute Balance und Transparenz

 

4-5

Frans Brüggen

Orchester des 18. Jahrhunderts

Philips

1996

26‘24

 

 

live, I E T. 1 und T. 10 lang ausgehalten, Stimmführungen herausgestellt, HT Allegro molto, auftrumpfend, scharfe Klanglichkeit, II Andante con moto, kein langsamer Satz, farbenreicher Klang, III Menuett markant akzentuiert, Trio Tempo beibehalten, IV fast atemlos, pointierte Dramatik

 

4-5

Marc Minkowski

Les Musiciens du Louvre Grenoble

naïve

2012

29‘25

 

 

live, I E schwerblütig, HT gewichtiges Musizieren, stürmisch, drängend, II Adagio, ernste Stimmung, klare Artikulation, III farbiges Spiel, IV erfrischend, jedoch auch geglättet, Musik läuft wie von selbst

 

4-5

Pablo Heras-Casado

Freiburger Barockorchester

HMF

2012

32‘48

 

 

alle W, I E betroffen, HT pointiert artikuliert, T. 151 ff. präsentes Fagott, übertrieben laute Tutti-Abschnitte, ab T. 268 schneller, II mit Feingefühl, III laute Tutti-Abschnitte wie gehämmert, Trio hält dagegen, IV äußerlich, atemlos, wenig Abwechslung

 

 

   

 

4

Antonello Manacorda

Kammerakademie Postdam

Sony

2013

31‘39

 

 

alle W, I E Flöten T. 16-20 kaum zu hören, HT vehementer Zugriff, kämpferisch, Akkorde mit Beteiligung der Pk. zu knallig, etwas äußerlich, ab T. 268 schneller, II Musik in Verlaufsform, teilweise kaum Spannung, III deutliche Tempogegensätze zwischen Menuett und Trio, IV klangliche Wucht, spielfreudig, mit kräftigen Akzenten („hau drauf“), wie abgespult

 

4

René Jacobs

B’Rock Orchestra

Pentatone

2019

31‘16

 

 

alle W, I E schwerblütig, HT Allegro molto, zupackend, hier und da auch etwas robust, II scharfe Klangwechsel, insgesamt jedoch ausgewogen, sehr gute Balance und Transparenz, III Musik im Menuett überfahren, im Trio aber besser, IV überschäumende Musizierlaune, zwischen T. 473 und T. 474 unvermittelte Pause, am Schluss die drei ganzen Noten deutlich verlängert, ohne Absicherung in der Partitur – offenes Klangbild 2

 

4

Michi Gaigg

L’Orfeo Barockorchester

CPO

2018

31‘49

 

 

live, alle W, I E Flöten T. 16-20 kaum zu hören, HT scharfe Klanglichkeit, temperamentvoll, aggressiv, kaum tragischer Einschlag, II Flöte dominiert die Holzbläser, moderat, gediegen, III Menuett sehr schnell, facettenreich, Trio etwas langsamer, IV Allegro molto, Musik durchgezogen, atemlos

 

 

   

 

3-4

Jos van Immerseel

Anima Eterna Symphony Orchestra

Sony

1996

30‘47

 

 

alle W, I E T. 1 und T. 10 ohne dim, kein Konzept? HT Musik bleibt an der Oberfläche, fehlende Balance und Transparenz, kaum profiliert, II hat der Dirigent die Partitur im Griff? Musik läuft wie von selbst, III sehr schnell, beide Abschnitte im selben Tempo, IV hier hinterlässt Immerseel den besten Eindruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

Hinweise auf Interpreten und ihre Interpretationen:

 

Otto Klemperer

 

Nicht vergessen sollte der Plattenhörer die beiden Aufnahmen Klemperers, die erste 1950 nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil in Paris für Vox entstanden, später von Archipel auf CD angeboten, sowie zweitens den Konzertmitschnitt aus dem Amsterdamer Concertgebouw mit dem dortigen bekannten Orchester. Im Vergleich spielt dieses auf einem höheren Niveau als das Orchestre Lamoureux Paris. Die angeschlagenen Tempi ähneln sich, in Amsterdam jedoch lässt Klemperer die Exposition im ersten Satz wiederholen. Im Finale spielen die holländischen Musiker spontaner, aber auch geschliffener als ihre französischen Kollegen. Klanglich wird die Studioaufnahme von 1950 vom Konzertmitschnitt sieben Jahre später überboten. Aus Klemperers letzten Lebensjahren ist keine Aufnahme von Schuberts 4. Sinfonie bekannt.

 

Carlo Maria Giulini

 

Mit zunehmendem Alter wandte sich der italienische Maestro einigen Sinfonien Schuberts zu und nahm sie in seine Konzertprogramme auf.  Die bekannten Plattenfirmen beobachteten dies und baten ihn ins Studio, so die Deutsche Grammophon Gesellschaft und in den letzten Lebensjahren der japanische Sony-Konzern. Oft waren es Konzertmitschnitte der großen Orchester aus Berlin, Wien, Chicago, Los Angeles und Amsterdam.  

 

Die älteste hier erwähnte Aufnahme stammt noch aus seiner Londoner Zeit. Es ist ein Mitschnitt der BBC vom Edinburgh-Festival aus der Usher Hall im Sommer 1968. Zehn Jahre später erfolgte eine Studio-Produktion mit dem Chicago Symphony Orchestra für die DGG, die den Dirigenten inzwischen unter Vertrag genommen hatte. Die letzte Aufnahme entstand 1993 in München mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das ihn oft ans Pult bat.

 

Den Kopfsatz, insbesondere die langsame Einleitung, ließ Giulini mit Nachdruck musizieren, gewichtig und schwerblütig zog auch der Hauptsatz vorüber, das Klangbild fiel dabei breit aus, es war kein jugendlicher Schubert, der dem Hörer hier gegenübertrat. Sorgfältig und ausgewogen, mit viel Liebe zum Notentext, begegnet einem der langsame Satz, allerdings recht langsam gespielt. In seiner letzten Aufnahme aus München wird aus einem Andante ein echtes Adagio, entschädigt durch eine gute Dynamik. Die Tempi im dritten Satz lassen im Laufe der Jahre nach. Prägnantes Musizieren, einem Perpetuum mobile ähnelnd, erlebt man im Finale. Giulini lässt Schuberts 4. Sinfonie wie eine große romantische Sinfonie spielen, am wenigsten in Edinburgh, am stärksten in München. Die Aufnahme aus Chicago, in der Mitte aufgezeichnet, gefällt am besten. Als positiven Aspekt sollte auch das höchste technische Niveau des Orchesters erwähnt werden.

 

Herbert Blomstedt

 

Soweit ich es übersehe beschäftigte sich Blomstedt während seiner Karriere immer wieder mit Schubert-Sinfonien. Während seiner Dresdner Jahre spielte er mit der Staatskapelle, deren Chefdirigent er von 1975 bis 1985 war, für VEB Deutsche Schallplatten einen Zyklus aller Schubert-Sinfonien ein, die ich für überaus gelungen ansehe. Er lässt sein Orchester mit Nachdruck spielen, in einer Synthese zwischen klassischer Klarheit und organischem Musizieren. 42 Jahre liegen zwischen den Aufnahmen aus Dresden und dem Mitschnitt aus Bamberg. Abgesehen von den etwas langsameren Tempi des nun 95jährigen Kapellmeisters nähert sich Blomstedt immer noch mit brennendem Eifer der Partitur. Auf dem Plattenmarkt steht allerdings nur die Dresdner Produktion zur Verfügung, die ich allerdings wärmstens ermpfehle!

 

Nikolaus Harnoncourt

 

In seinen letzten Jahren setzte Harnoncourt immer wieder Sinfonien von Schubert auf seine Konzertprogramme. Auf der Styriate 1988 in Graz ließ er alle zyklisch erklingen, die vom ORF mitgeschnitten und zwei Jahre später von ica classics auf den Plattenmarkt gebracht wurden. Harnoncourts Art Schuberts Partitur umzusetzen ähnelt sich in allen drei Aufnahmen bzw. Mitschnitten. Er lässt immer gewichtig musizieren, als Zuhörer erlebt man eher die Musik eines erfahrenen als eines jugendlichen Komponisten. Dramatik steht in den schnellen Sätzen vor Tragik. Der langsame Satz jedoch wird überwiegend locker gespielt, mit Feingefühl, ohne den gestalterischen Ernst aus den Augen zu verlieren. Eine Empfehlung für die eine oder andere Aufnahme muss unterbleiben.

 

eingestellt am 02.02.26

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