Das Klassik-Prisma  
 Bernd Stremmel

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Tschaikowsky       home

  1. Klavierkonzert b-moll op.23

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Richter

Ancerl

Tschechische Philharmonie

Supraphon

1954

32‘50

5

 

Richter

Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Melodya

1955

33‘40

5

 

Gilels

Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1955

33‘33

5

 

Argerich

Kondraschin

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Philips

1980

30‘33

5

live

Argerich

Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1994

31‘53

5

live

Solomon

Dobrowen

Philharmonia Orchestra London

EMI

1949

31‘47

5

 

Solomon

Schweiger

Kansas City Philharmonic Orchestra

APR

1952

31‘51

5

live

Cherkassky

Ludwig

Berliner Philharmoniker

DGG

1951

32‘45

5

I schwerblütiger Beginn: (molto) maestoso, auch im weiteren Verlauf immer wieder gewichtig, III furioso

Graffman

Szell

Cleveland Orchester

CBS/Sony

1969

33‘47

5

Klavier und Orchester gleichberechtigte Partner, Szell öffnet die Partitur, romantische Gefühligkeit sucht man hier vergebens, sehr helles und durchsichtiges Klangbild

Hough

Vänskä

Minnesota Orchestra

hyperion

2009

31‘42

5

live – vorbildliches Miteinander, deutliche Handschrift des Pianisten wie des Dirigenten, I Hough beginnt Hauptteil (A.con spirito) wie improvisierend

Sokolov

Järvi, Neeme

Moskauer Philharmoniker

Melodya

~ 1968

36‘19

5

I maestoso, der 18jährige Sokolov und Järvi lassen sich erst gar nicht auf ein Tempo ein, in der sie die getriebenen sind, setzen Schwerpunkte, die zu monumentaler Größe gesteigert werden; an vielen Stellen fühle ich mich, trotz aller Unterschiede des kompositorischen Aufrisses, an Brahms op.83 erinnert, hier ist Tschaikowsky kein billiger Rattenfänger, sondern ein seriöser Komponist, Gegenentwurf zu sehr vielen gängigen Interpretationsmustern

Sokolov

Fedossejew

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR unveröffentlicht

 

37‘18

5

live – in ähnlicher Manier, I T.32 nicht wesentlich schneller, dafür mit mehr Nachdruck, stellenweise sehr zart, dann aber wieder mit Pranke, III T.66 unvermutet in Tempo I, überraschend (!) schneller, bei T. 252 deutlich langsamer

Pletnjew

Fedossejew

Philharmonia Orchestra London

Virgin

1990

34‘28

5

formbewusste Darstellung, I Allegro con spirito als neuer Abschnitt deutlich schneller, III eigene Handschrift

Pogorelich

Abbado

London Symphony Orchestra

DGG

1985

37‘35

5

großkalibriges Klavierspiel, Pianist und Dirigent in bester Partnerschaft, Pogorelich versenkt sich tief in Tschaikwskys Gedankenwelt, I trotz des langsamen Tempos keineswegs zäh, große Bögen

Horowitz

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

Naxos

1941

28‘53

5

live – in Rekordzeit, als wenn sie unter Strom gestanden hätten, II Prestissimo fast schon wie eine Zirkussnummer, III wild entfesselt

Horowitz

Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1941

29‘23

5

Studioeinspielung 2 Wochen später, ein wenig domestizierter

Levant

Ormandy

Philadelphia Orchestra

History

1949

30‘49

5

Klavier und Orchester immer in Partnerschaft, überzeugende Tempi, die den Sätzen jeweils eine fest umrissene Physiognomie geben, altersbedingt eingeengtes Klangbild – Soundtrack eines Musikfilms?

Ohlsson

Marriner

Academy of St.Martin-in-the-Fields     (66 Musiker)

hänssler

1996

34‘14

5

sehr durchsichtiges Klangbild, voluminöser, körperlicher Klavierklang, Marriner durchleuchtet die Partitur, viele sonst unbeachtete Details, con anima

 

Gilels

Kondraschin

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Brilliant

1949

31‘23

4-5

live

Say

Temirkanov

St.Petersburger Philharmoniker

Teldec

2001

33‘11

4-5

I lebendig, schwungvoll, II Bläser im Mittelteil unterbelichtet, III krönender Abschluss

Gilels

Maazel

New Philharmonia Orchestra London

EMI

1972

34‘06

4-5

 

Curzon

Szell

New Symphony Orchestra

Decca

1950

33‘01

4-5

Klavier klingt in schnellen lauten Stellen etwas klobig

Bruchollerie

Moralt

Pro Musica Orchester Wien

Vox/Doremi

1952

30‘57

4-5

zielgerichtetes unverzärteltes Klavierspiel, jedoch nicht gefühllos, unbedingter Einsatz für op.23; etwas belegter Klang, Klavier vor das Orchester gerückt, dadurch gehen Details verloren; II nur kurzes Intermezzo

Cherkassky

Solti

London Symphony Orchestra

BBCL

1968

33‘57

4-5

live – I ähnelt sehr der Studio-Einspielung, II Motive etwas mehr herausgehoben, III Thema im Klavier etwas schwerfällig, nicht mehr so virtuos

Argerich

Dutoit

Royal Philharmonic Orchestra London

DGG

1970

35‘15

4-5

 

Rubinstein

Leinsdorf

Boston Symphony Orchestra

RCA

1963

33‘19

4-5

schönes, plastisches Klavierspiel, temperamentvoll, man spürt, dass es Freunde macht, durchsichtiges Klangbild

Berezowsky

Liss

Philharmonisches Orchester des Ural

Teldec

1990

32‘11

4-5

Solist und Orchester in bester Partnerschaft

Richter

Karajan

Wiener Symphoniker

DGG

1962

36‘07

4-5

 

Postnikowa

Roschdestvensky

Wiener Symphoniker

Decca

1982

38‘23

4-5

I maestoso - insgesamt lyrische Darstellung, klangschöne Aufnahme, schöne Holzbläserdetails

Cziffra

Dervaux

Orchestre National Paris

EMI

1957

32‘11

4-5

I starke Tempokontraste zwischen den lyrischen und dramatischen Teilen, Cziffra kommt in den Kadenzen voll auf seine Kosten, pianistisches Schaustück, II etwas kühl, III am besten gelungen – dem Klangbild mangelt ein geringes Bassfundament

Cliburn

Kondraschin

RCA Victor-Symphony Orchestra

RCA

1958

34‘32

4-5

einst amerikanische Kultaufnahme – Kondraschin langsamer, gezügelter, etwas akademischer, nicht mehr so entfesselt

Browning

Ozawa

London Symphony Orchestra

RCA

1966

33‘57

4-5

saftiger Klang

Ardašev

Belohlávek

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1989

32‘36

4-5

live – wohltuend entfetteter Klavierklang, gute Partnerschaft zwischen Pianist und Orchester, insgesamt eher als klassisches denn als romantisches Klavierkonzert - eine Aufnahme für op.23-Verächter!

Uninsky

van Ottterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips/    forgotten records

1951

32‘23

4-5

eher klassisch interpretiert, will nicht überrumpeln

Ponti

Kapp

Prager Symphoniker

Vox/Marshall

 

33‘10

4-5

eindeutig ein Virtuosenkonzert, graues Klangbild, Farben unterbelichtet, III ausdrucksvolles Holz

Leonskaja

Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1994

34‘15

4-5

I T.63/64 Trompeten nicht genau auf den Schlag, insgesamt grundsolide

 

Rösel

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Berlin Classics

1980

35‘41

4

I Einleitung: aufmerksame Pauke, T.473-480 schwindsüchtige Oboe, T.29ff deutliches Bassfundament, III Tutti-Klang zu geschlossen

Curzon

Solti

Wiener Philharmoniker

Decca

1958

34‘41

4

I langsame Einleitung, Solti T.320-347 gar nicht hitzig

Freire

Kempe

Münchner Philharmoniker

CBS/Sony

1968

32‘10

4

Freire mit 24 Jahren, Klavierspiel bestens, jedoch mehr technisch als musikalisch bewältigt, II Oboist Kempe vergisst seine Bläser nicht

Lugansky

Nagano

Russisches National Orchester

PentaTone

2003

37‘01

4

I Einleitung: langsam, schwerblütig – Blick auf Details wichtiger als große Geste

Ashkenazy

Maazel

London Symphony Orchestra

Decca

1963

34‘15

4

I eine Prise Pfeffer hätte gut getan, III gefällt mir am besten

Berman

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1975

37‘13

4

I Einleitung: gewichtiges Orchester - immer wieder wird der Solist vom Dirigenten gebremst, die schönen Melodien!

Volodos

Ozawa

Berliner Philharmoniker

Sony

2002

34‘19

4

live - I zäh, Inspiration hält sich in Grenzen

Arrau

Galliera

Philharmonia Orchestra London

EMI

1960

36‘08

4

I schwerblütig, gewichtig, Holzbläser teilweise verdeckt, II „normaler", III teilweise etwas gestelzt

Haas, Werner

Inbal

Orchester der Oper Monte-Carlo

Philips

1970

33‘34

4

unsentimentales gradliniges Klavierspiel

Watts

Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS

1973

38‘38

4

I pompöse Einleitung, temporeduziert, danach hat es die folgende Musik schwer, teilweise etwas sentimental (z.B. T 360ff ) und plakativ, II Mittelteil B hebt sich anfangs im Tempo kaum von A ab, III gefällt mir noch am besten – saftiger Klang, etwas Hall

Gilels

Mehta

New York Philharmonic Orchestra

CBS/Sony

1979

34‘48

4

live

Kissin

Gergiev

Akademisches Sinfonie-Orchester St.Petersburg

Brillant

1987

33‘35

4

live, Kissin 16 Jahre alt – I Einleitung: ganz großer Auftritt alles unter einem großen Bogen, II Klavier etwas äußerlich mechanisch, III forsch, drauflos

Rudy

Jansons

St.Petersburger Philharmoniker

EMI

1990

36‘33

4

I maestoso, II Prestissimo etwas zahm, Schluss nicht überzeugend gestaltet, ppp?, III Kompositionsabschnitte wechseln sich ab, werden jedoch nicht gegenüber gestellt

Gawrilow

Muti

Philharmonia Orchestra London

EMI

1979

37‘05

4

Sätze I und II im Tempo zu gemächlich, wenig Tempokontraste, III gefällt am besten

Demidenko

Lazarev

BBC Symphony Orchestra

hyperion

1993

36‘06

4

I stellenweise keine Spannung

Donohoe

Barschai

Bournemouth Symphony Orchestra

EMI

1988

35‘57

4

leicht entfernter Klang, I etwas lustlos und zäh

 

Katin

Pritchard

London Philharmonic Orchestra

EMI

1970

35‘24

3-4

I bewältigt, lässt aber nicht aufhorchen, wenig con spirito, II Mittelteil kein Prestissimo, Beziehung zum Werk?

Nikolajewa

Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Berlin Classics

1959

33‘48

3-4

I T.37 nicht ganz klar, stellenweise ungepflegter Streicherklang, grau, Holzbläser gegenüber dem Flügel zurückgesetzt, II Teil A zu schnell, hebt sich nicht vom Prestissimo von Teil B ab, III pauschal, wenig Einzelheiten

Lateiner

Aliberti

Orchester der Wiener Staatsoper

Westminster/MCA

1958

32‘39

3-4

„Schlachtross", Orchester nicht sonderlich inspiriert

Feltsman

Rostropovitch

National Symphony Orchestra

Sony

P 1990

34‘42

3-4

I pflichtgemäß, etwas unentschlossen und lustlos, III mit mehr Profil, kann die Aufnahme jedoch nicht mehr retten

Bolet

Dutoit

Orchestre Symphonique de Montreal

Decca

1987

40‘07

3-4

I geradezu eine Gegenposition zu den meisten anderen Interpretationen, lyrische Abschnitte wichtiger, schleppendes Tempo, II schleppend, melancholisch, III Bolet spielt das Hauptthema so uninteressant, als müsse er sich davor schämen – voluminöse Klavierbässe

Kissin

Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1988

39‘57

3-4

live – I Karajan bremst Kissin und Tschaikowsky aus, T.220ff hört man endlich auch mal die Flöte, II Laufsteg für Bläsersolisten, III besser im Tempo

Scherbakow

Yablonsky

Russisches Philharmonisches Orchester

Naxos

2003

32‘11

3-4

I T.194ff innig, Horn T.313-15/ T.317-20 geht unter, T.390ff seltsam gestelzt, Kadenz T.543ff Zweistimmigkeit der rechten Hand?, ohne Regiebuch aufgenommen?, III Pralltriller im Thema wird überspielt, Thema T.89ff schneller als zu Beginn, auch T.159ff, disperat – obertonarmer Klang, im Tutti dumpf

 

Weissenberg

Karajan

Orchestre de Paris

EMI

1970

39‘36

3

I zähe Einleitung, blechgepanzert, Weissenberg macht sich T.110 con spirito auf den Weg, trifft jedoch T.186 auf ein Stop-Schild, T.390ff sentimental, kitschig, sind sie schon in der Pathetique?, II Adagio, gefrorene Musik, außer im Prestissimo, III Holzbläser zurückgesetzt – Weissenberg hätte auch anders gekonnt!

Sgouros

Weller

London Philharmonic Orchestra

EMI

1986

33‘40

3

I Streicher-Pizzicato T.170ff und T.453ff?, an einigen Stellen gehen die Gäule durch, Orchester sehr oft nur in Begleitfunktion, II nebeneinander nicht miteinander, Klavier oft zu laut und zu unbekümmert, III wie zuvor

 

Lang Lang

Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

DGG

2003

38‘25

2-3

I quälend lahm im Tempo, Musik steht oft still, Pianist kann nur in den Kadenzen aus sich heraus gehen, Mätzchen in der ersten Kadenz T.43/47, II Andantino? dramaturgische Pause vor dem Prestissimo? – insgesamt ohne Inspiration!

Auch wenn sich die Uraufführung hinzog, verdankt Tschaikowsky seine Popularität vor allem seinem b-moll Konzert, beim Beliebtheitsranking seiner Kompositionen steht es nach wie vor ganz oben, warum? Alfred Beaujean bringt es im Kommentar auf der Plattenhülle der Argerich-Kondraschin-Aufnahme auf den Punkt, wenn er schreibt: „ Die Bedeutung des vielgespielten Werkes liegt nicht zuletzt in der glücklichen Verbindung von prägnanter „Ohrwurm"-Melodik, symphonischer Gewichtigkeit und glanzvoller Pianistik". Die Musik ist sicher ureigendster Tschaikowsky, auch wenn er sich im 1.Satz beim Klaviersatz des 2.Themas (T.220ff) stark an Schumann anlehnt, dessen Musik er kannte. Im 3.Satz kommt ihm Wagners Tristan mit seinen scheinbar nicht enden wollenden Steigerungen in den Sinn (T.222-242). Bei den meisten Aufnahmen hört man da vor allem die Violinen mit ihrem 4-Ton-Motiv, das sich langsam immer höher schraubt. Die Dirigenten vernachlässigen, nein vergessen jedoch die Bratschen, die, einen Takt später einsetzend, dasselbe Motiv im Wechsel mit den Violinen spielen, was eine Sogwirkung nach sich zieht. Nur Karajan-Kissin, Masur, Marriner, Abbado-Pogorelich, Ozawa-BPh, Maazel, Muti, Belohlavec, Vänskä, Yablonsky und Liss entdecken Tschaikowskys Gedanken.

Nochmals zurück zum 1.Satz: nach der erwähnten Schumann-Stelle, es ist das 2.Thema, verdichtet sich die Spannung nahezu explosiv innerhalb weniger Takte und führt die Musik zu einem ersten dramatischen Höhepunkt (T.242-268). Mit entfesseltem, nahezu besessenem Klavierspiel überzeugen hier Gilels, Horowitz, Cziffra, Argerich, Levant, Cliburn, Bruchollerie, Rösel, Ohlsson, Leonskaja, Pogorelich, Kissin, Say, Hough Gawrilow und Demidenko. Das Ende dieser Kulmination mündet in Akkorden und Akkordbrechungen des Klaviers von c-moll nach C-Dur. Das muss jedoch als Zusammenhang gespielt werden und darf nicht in Abschnitte zerfallen. Lediglich Leonskaja, Lateiner, Hough, Berezowsky und Kissin stellen da zufrieden. Im weiteren Verlauf des Satzes, 8 Takte vor der großen Kadenz, schreibt Tschaikowsky einen Signal-Ton des Horns (T.532), der laut vernehmlich sein soll, in die Partitur. Dieser dramaturgisch wichtige Ton wird nur von sehr wenigen Dirigenten beachtet: Szell, Solti, Maazel, Ozawa, Abbado-Pogorelich und Belohlavec. In dieser Kadenz beschäftigt sich der Komponist ab T.581 mit dem 2.Thema, genauer, mit dessem Anfangsmotiv: viermal hintereinander erklingt arpeggiert das Motiv im Wechsel mit unmittelbar aufeinander folgenden Doppeloktav-Triolen, denen die erste Achtel fehlt, in der rechten Hand chromatisch aufsteigend, in der linken fallend, diese Doppeloktaven sollen zusätzlich auch noch accellerando und staccato gespielt werden. Hough bringt die ersten beiden Doppeloktaven abwartend, die letzten beiden dann drängend. Solomon, Cherkassky, Levant, Uninsky, Bruchollerie, Browning, W.Haas, Cziffra, Freire, Berezowsky und Gawrilow überzeugen mich am meisten, indem sie jedesmal ein wenig lauter und teilweise von der einen zur andern das Tempo noch etwas beschleunigen.

Im 2.Satz hören wir anfangs zupfende Streicher in Des-dur (pp), danach setzt die Flöte mit ihrer lieblichen Melodie ein. Falls Sie eine gute Aufnahme besitzen, müssten Sie hören, das die 2.Geigen die Tonfolge f-ges-f-es mehrmals hintereinander spielt und nicht alles gleich klingt. Roshdestvensky übertreibt da ein wenig, wenn es sich so anhört, als spielten nur die 2.Geigen. Der 2.Satz ist dreiteilig angelegt nach dem Formschema A-B-A‘. Der Mittelteil B beginnt T.59 ohne Pause zum Vohergehenden im Prestissimo und ist anfags nur pp zu spielen, dieser Teil entfaltet nur dann seine Wirkung wie vorgesehen, wenn der Pianist auch sofort deutlich ein sehr schnelles Tempo einschlägt wie Horowitz, Solomon, Gilels-49/55, Bruchollerie, Cziffra, Argerich-80/94, Pogorelich und Demidenko und nicht erst ein paar Takte Später das Prestissimo erreicht.

Hinweise zu Interpretationen:

Der britische Pianist Solomon Cutner, der sich nur nach seinem Vornamen Solomon nannte, durfte bereits 1929 mit 27 Jahren als einer der ersten das b-moll Konzert aufnehmen, Partner waren das Hallé Orchestra unter Leitung von Hamilton Harty, die Schelllackplatten sollen ein großer Erfolg gewesen sein. 20 Jahre später durfte der gereifte Pianist unter besseren Aufnahmebedingungen nochmals mit dem Konzert ins Studio gehen, nun dirigierte Issay Dobrowen das noch junge Philharmonia Orchestra. Der 1.Satz gelang sehr konzentriert, straff, kraftvoll, jedoch auch leidenschaftlich ohne romantischen Überschwang, also mehr klassisch. Im 2.Satz spielt die Flöte ohne Vibrato, da klingt die Melodie T.5ff völlig entmaterialisiert. Dobrowen ist ein aufmerksamer Mitgestalter, der auch den Blick auf Details schärft. Eine weitere Spitzenaufnahme mit Solomon stammt aus einem Konzert aus Kansas City mit dem dortigen Orchester unter Leitung des bei uns unbekannten Hans Schweiger aus dem Jahr 1952. Die live-Aufnahme klingt leidenschaftlicher als die Studio-Produktion, jedoch nicht immer so deutlich, Diskanttöne klirren zuweilen.

Clifford Curzon, den wir später Geborenen eher mit Musik von Schubert, Schumann, Beethoven und Mozartschen Klavierkonzerten in Verbindung bringen, hat zeitlebens auch die großen „Schlachtrösser" der Konzertliteratur gespielt, die Konzerte von Brahms, Rachmaninoff und eben auch Tschaikowskys b-moll-Konzert. Curzons Stärken liegen m.E. eher im lyrischen Bereich des Konzerts, was nicht heißen soll, die kraftvoll auftrumpfenden Partien erklängen unter seinen Händen blass. Der englische Meisterpianist ist ein ernst zu nehmender Interpret dieses berühmten Konzerts. Zwei Aufnahmen liegen mir vor, einmal mit einem Londoner ad hoc-Orchester unter Leitung von George Szell 1950, dann 8 Jahre später mit den Wiener Philharmonikern unter Georg Solti. Schon bei der Einleitung kann man die Qualitätsunterschiede der beiden Dirigenten feststellen: Szell, deutlich um jedes Instrumentationsdetail bemüht, Solti zwar auch, jedoch mit weniger Konsequenz und Nachdruck (1.Satz:T.80-87, Pizzicato der 2.Viol. und Bratschen, 2.Satz: Pizzicato besonders der 2.Viol. in den Anfangstakten, Bläserstelle T.33-37). Sie merken schon, Szell gefällt mir trotz des älteren Aufnahmedatums besser als die jüngere Produktion mit Solti. Szell ist nicht Anwalt einer Tradition, sondern des vom Komponisten in der Partitur niedergelegten Willens, er vermag immer dem jeweiligen Musikstück eine fest umrissene Physiognomie zu geben, was gerade Kompositionen der Romantik zugute kommt. Trotzdem möchte ich Szells Aufnahme eher klassisch nennen, die mit Solti mehr romantisch. Noch eine Anmerkung zum Hauptthema des 3.Satzes: Curzon spielt in der Solti-Aufnahme den zig-mal wiederkehrenden Doppelpralltriller im Hauptthema etwas deutlicher als jeder andere Pianist, indem er die davor stehenden Achtelakkorde ein klein wenig verkürzt, das fällt sofort auf, später bei veränderten Akkorden geht es jedoch nicht mehr so.

Svjatoslav Richter und Tschaikowskys 1.Klavierkonzert wurden in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts oft in einem Atemzug genannt. Damals durfte Richter im Westen konzertieren und Platten für EMI und DGG aufnehmen, u.a. die Aufnahme von op.23 mit den Wiener Symphonikern unter Leitung von Herbert von Karajan. Es war jedoch nicht seine erste Aufnahme, nein, seine letzte. Bereits 1954 ging er für Supraphon mit Karel Ancerl und der Tschechischen Philharmonie ins Prager Studio, m.E. seine, trotz der klanglichen Mängel, überzeugendste Produktion. Im 1.Satz nimmt er Tschaikowskys Satzüberschrift ab T.110 wörtlich: con spirito, in den Takten 242ff sind wir Zeuge eines urwüchsigen, temperamentvollen Musizierens, das unter eine mächtigen Spannung steht und am Schluss T.268 wie befreit klingt, großbögiges Musizieren ist hier kein Fremdwort. 2.Satz: Rhythmus ist das Rückgrad der Musik, schöner Dialog zwischen Oboe und Cello T.50ff. Das Klangbild der Aufnahme ist ziemlich offen, durchsichtig, jedoch zeitbedingt flächig. Ein Jahr später wurde Richter von Jewgenij Mrawinsky und der Leningrader Philharmonie in einer russischen Produktion (Melodya) begleitet, die Aufnahme wurde später zumindest auch in Westdeutschland (Eurodisc), Ostdeutschland (Eterna) und Frankreich (HMF) vertrieben. Diese Platte weist ein etwas volleres Klangbild auf als die Aufnahme aus Prag, die Takte 242–263 gelingen gut, jedoch nicht ganz so zwingend wie bei Ancerl, der Dialog zwischen Oboe und Cello T.50ff überzeugt auch hier. Die schon oben erwähnte DGG-Aufnahme unter Leitung Karajans zeigt uns jedoch eine andere Auffassung des Konzerts: hier wird teilweise schleppend (z.B. 1.Satz T.294ff) oder pompös auftrumpfend (1.Satz T.330ff) musiziert, insgesamt dauert dieser Satz 2 Minuten länger als bei Ancerl und Mrawinsky. Hier liegt eine klangschöne Aufnahme vor, deren Interpreten sich eher für die lyrischen als für die dramatischen Stellen des Werkes interessieren, dies scheint mir jedoch nur die halbe Wahrheit bei op.23 zu sein. Bei Ancerl und Mrawinsky klingt Tschaikowskys Musik urwüchsiger, slawischer.

Zeit seines Lebens hat Emil Gilels immer wieder Klaviermusik seines Landsmannes Peter Tschaikowsky aufgeführt, insbesondere auch das 1. Klavierkonzert in b-moll, von dem hier vier Aufnahmen verglichen werden, wovon die erste und letzte Konzertmitschnitte aus dem Jahre 1949 bzw. 1979 sind. Der 33jährige Pianist stürzte sich mit Verve und hohem Krafteinsatz in Tschaikowskys op.23, die Akkorde werden wild herausgeschleudert (T.253ff, T.348ff), die große Geste feiert Triumphe, da ist sich Gilels mit Kondraschin völlig einig, der 1.Satz wird nach sagenhaften 18’49 beendet. Der Mittelteil des 2.Satzes, das Prestissimo, kommt geradezu hysterisch daher, übrigens auch in der Aufnahme mit Reiner, insgesamt ist der Satz hier ein leichtgewichtiges, unbeschwertes Intermezzo. Im 3. Satz gibt es nun wieder viel Klavierfutter fürs Publikum, die zur Schau gestellte Virtuosität siegt über die Musik. Das Klangbild in dieser alten russischen Aufnahme ist flächig, wenig differenziert und teilweise auch verfärbt. Gilels erste Studio-Aufnahme entstand während seiner USA-Tournee 1955 mit Fritz Reiner bereits in frühem Stereo. Hier erleben wir eine gewandelte Auffassung vom Tschaikowskys Ohrwurm: Disziplin geht vor Emotion, es wird strenger und gewichtiger gespielt, insgesamt klingt die Musik stellenweise seriöser, auch raffinierter. Gilels ordnet sich Reiners Konzept unter, ohne dass der virtuose Klaviersatz gezähmt klingt. Für mich ist dies eine der überzeugendsten Produktionen des Konzerts. 17 Jahre nach dieser Aufnahme ging Gilels mit Lorin Maazel ins Londoner Studio. Im direkten Vergleich fallen sofort die inzwischen enorm verbesserten klanglichen Verhältnisse auf, bei Maazel steht ein opulenter Orchesterglanz im Vordergrund, dabei durchleuchtet er gleichzeitig die Partitur, der Klang ist sehr hell eingefangen. Das Prestissimo im 2. Satz ist leider nur ein Presto, am besten gefällt mir das Finale. Der New Yorker Konzertmitschnitt vom November 1979 fällt gegenüber den anderen Gilels-Produktionen klar ab, das liegt weniger am Pianisten, der auch hier noch seine Pranken zeigen kann, ohne dass die musikalische Ausdeutung darunter zu leiden hätte, sondern eher an der schwachen Orchesterleistung unter Leitung von Zubin Mehta. Gleich zu Beginn setzen die Streicher zu undiszipliniert ein, das Orchester klingt stellenweise so, als produziere es Filmmusik, dabei wird das Klavier klanglich etwas nach hinten gerückt, auch hier gefällt das Finale am meisten, Applaus in die Schlusstakte hinein!!

Sprechen Musikfreunde über op.23 fällt immer auch der Name Martha Argerich. 1970 hat sie es in London mit Charles Dutoit kraftvoll, differenziert, diszipliniert, sehr überzeugend eingespielt. Diese Aufnahme wurde jedoch zehn Jahre später durch einen Konzertmitschnitt aus München unter der Leitung von Kondraschin entthront, der durch seine Leidenschaft, seinen Sog, seinen unbedingten Ausdruckswillen, seinen mitreißenden Schwung den Hörer in seinen Bann zieht. Der spätere Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie kommt da nicht ganz mit, ist aber ebenfalls überzeugend.

In den Aufnahmen der letzten 25 Jahre sind die interpretatorischen Unterschiede eher marginal, alle wollen Tschaikowskys Konzert technisch wie musikalisch perfekt anbieten, das Individuelle bleibt jedoch ziemlich auf der Strecke, von ganz wenigen Pianisten abgesehen. Vor einer Neuanschaffung sollte der Sammler/Käufer genau prüfen, ob er nicht alten Wein in neuen Schläuchen angeboten bekommt.

eingestellt am 09.01.11

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