| Das Klassik-Prisma | |
| Bernd Stremmel |
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Klaviersonate Es-dur op.81a
„Das Lebewohl" - „Les Adieux"
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Kuerti |
Analekta |
1974/75 |
18‘02 |
5 |
|
|
Kuerti |
Monitor |
16‘43 |
5 |
||
|
Solomon |
EMI |
1952 |
16‘06 |
5 |
|
|
Gelber |
Denon |
1988 |
16‘08 |
5 |
|
|
Schnabel |
EMI |
1933 |
15‘11 |
5 |
ahnungsvoller Übergang im 1. Satz |
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Lucchesini |
stradivarius |
1999-01 |
16‘36 |
5 |
live |
|
Gulda, F. |
Amadeo |
1967 |
14‘16 |
5 |
|
|
Gulda, F. |
Decca |
1950 |
14‘08 |
5 |
|
|
Moravec |
Supraphon |
1969 |
16‘26 |
5 |
|
|
Casadesus |
Sony |
1957 |
16‘04 |
4-5 |
|
|
Pollini |
DGG |
1988 |
16‘06 |
4-5 |
pianistisch vollkommen, jedoch etwas keimfrei |
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Arrau |
Columbia |
1947/49 |
16‘22 |
4-5 |
|
|
Arrau |
EMI |
1958 |
16‘50 |
4-5 |
Klangbild leicht stumpf, nicht leuchtend |
|
Arrau |
Philips |
1968 |
17‘05 |
4-5 |
|
|
Gilels |
DGG |
1974 |
17‘10 |
4-5 |
|
|
Serkin, R. |
Sony |
1977 |
16‘50 |
4-5 |
live – sehr hell und offen klingender Flügel |
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Richter–Haaser |
EMI |
~ 1961 |
15‘30 |
4-5 |
|
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Ashkenazy |
Decca |
1973 |
17‘20 |
4-5 |
|
|
Barenboim |
EMI |
1966 |
18‘22 |
4-5 |
|
|
Gelber |
EMI |
1963 |
16‘53 |
4-5 |
|
|
Pletnjew |
DGG |
1998 |
15‘50 |
4-5 |
|
|
Nat |
EMI |
1954 |
14‘06 |
4-5 |
|
|
Perahia |
CBS |
1984 |
16‘08 |
4-5 |
|
|
Godowsky |
Philips |
1929 |
15‘34 |
4-5 |
|
|
Frank |
RCA/M&A |
1967-69 |
16‘07 |
4-5 |
|
|
Brendel |
Philips |
1977 |
17‘02 |
4-5 |
|
|
Perl |
Arte Nova |
1994 |
16‘33 |
4-5 |
|
|
Gieseking |
Arkadia |
1949 |
13‘09 |
4-5 |
|
|
Andsnes |
unveröffentlicht |
16‘00 |
4-5 |
live |
|
|
Lortie |
Chandos |
1991 |
18‘03 |
4-5 |
|
|
Fischer, A. |
Hungaroton |
1977/78 |
16‘06 |
4 |
langsame Teile überzeugen mehr als schnelle |
|
Kempff |
DGG |
1951 |
14‘00 |
4 |
|
|
Backhaus |
Philips |
1954 |
15‘32 |
4 |
live |
|
Rubinstein |
RCA |
1962 |
16‘33 |
4 |
etwas neutral, mehr klangschön als engagiert |
|
Gilels |
Brilliant |
1980 |
16‘22 |
4 |
live - viele Huster und Publikumsgeräusche, hier und da spontanerer Zugriff als bei DGG |
|
Lill |
Brilliant |
1977 |
17‘31 |
4 |
|
|
Zechlin |
Berlin Classics |
P 1969 |
15‘54 |
4 |
|
|
Kempff |
DGG |
1964 |
14‘10 |
4 |
|
|
Kovacevich |
EMI |
2002 |
15‘28 |
4 |
|
|
Brendel |
Philips |
1995 |
16‘38 |
4 |
|
|
Arrau |
Philips |
1984 |
18‘05 |
4 |
|
|
Backhaus |
Decca |
1961 |
16‘00 |
4 |
|
|
Duchable |
EMI |
1995 |
15‘37 |
4 |
|
|
Barenboim |
DGG |
1983 |
18‘43 |
4 |
|
|
O’Conor |
Telarc |
1987 |
16‘33 |
4 |
|
|
El Bacha |
Forlane |
1992 |
14‘40 |
4 |
|
|
Ciccolini |
Cascavelle |
1997 |
17‘39 |
4 |
1. Satz Allegro: gewichtig wie Arrau, 3. Satz etwas brav |
|
Yokoyama |
Sony |
1998/99 |
16‘50 |
4 |
pianistisch prima, Beethoven fordert noch mehr |
|
Backhaus |
Orfeo |
1968 |
15‘50 |
4 |
live |
|
Brendel |
Vox |
1962-64 |
14‘52 |
4 |
Brendel auf dem Weg zu Beethoven, stumpfer Klang |
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Heidsieck |
EMI |
1967-73 |
17‘26 |
4 |
Spannung nicht immer gehalten |
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Goode |
Nonesuch |
1992 |
14‘59 |
3-4 |
wenig Atmosphäre, ohne Nachdruck |
|
Nikolajewa |
Melodya/DS |
1983 |
16‘41 |
3-4 |
live, Publikumsgeräusche, gute Einleitung, Allegro teilweise unegal gespielt, T.104 f Gedächtnisfehler?, Andante ohne Gefühle, 3. Satz: manuell dem Satz nicht immer gewachsen |
|
Buchbinder |
Teldec |
P 1980-82 |
15‘58 |
3-4 |
in den schnellen Teilen nur die Noten, eindimensional, im Andante übertrieben laute sf |
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Várjon |
Capriccio |
1995 |
16‘19 |
3-4 |
schulmäßig, keine Beziehung zum Werk hörbar |
|
Södergren |
Calliope |
2001 |
19‘45 |
5/3-4 |
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Gröschel |
Jägel |
16‘47 |
4/1 |
digital-Übertragung nicht gelungen, pianistisch nicht immer ganz souverän |
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Von Beethovens 32 Klaviersonaten sind einige mit Namen versehen, so auch die vorliegende, die als „Les Adieux-Sonate" in die Musikgeschichte eingegangen ist. In einem Brief vom Oktober 1810 kritisiert Beethoven das Leipziger Verlagshaus Breitkopf&Härtel, das in den Noten neben den deutschen Satzüberschriften „Das Lebewohl - Die Abwesenheit – Das Wiedersehen" auch die französische Übersetzung herausgebracht hatte. Er schreibt: „....Lebewohl ist was ganz anderes als Les Adieux. Das erstere sagt man einem herzlich allein, das andere einer ganzen Versammlung, ganzen Stadt." Der Adressat, dem die Sonate auch gewidmet wurde, war sein hochadeliger Schüler und jüngerer Freund Erzherzog Rudolph, der im Mai 1809 mit der kaiserlichen Familie vor den herannahenden napoleonischen Truppen nach Ofen floh und 9 Monate später nach Abzug der Franzosen in die Hauptstadt zurückkehrte.
Beethovens Sonate reflektiert musikalisch den Abschied, die Abwesenheit und das Wiedersehen der Freunde, ohne in nachzeichnende Programmmusik zu verfallen, auch wenn man im Allegro des 1. Satzes Pferdegetrappel zu vernehmen meint. Wie in der Pastoral-Sinfonie sollte auch hier gelten: „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei."
Die Satzüberschriften lauten: 1. Adagio-Allegro, 2. Andante espressivo, In gehender Bewegung (d.h. nicht zu langsam), doch mit viel Ausdruck (ohne Pause folgt:) 3. Vivacissimamente, Im lebhaftesten Zeitmaße (d.h. so schnell wie möglich). Der Beginn der Sonate lässt aufhorchen und sollte den Interpreten zur Stellungnahme veranlassen: drei absteigende Akkorde Es-dur = Le- /B-dur = be- / c-moll = wohl. Wie sind diese Akkorde zu deuten, dann noch auf -wohl c-moll? Für viele Klavierspieler scheint diese Akkordfolge keine Interpretationsaufgabe zu sein, wie ich beim vergleichenden Hören feststellen musste.
Pianisten, die noch auf Grund ihrer Ausbildung in der Aufführungstradition des 19. Jahrhunderts verwurzelt sind/waren (Godowsky, Schnabel, Kempff, Nikolajewa) erlauben sich eine persönliche Sicht auf die Sonate, wobei die Vorschriften/Vorzeichen des Notentextes nicht als etwas Unumstößliches sondern nur als Hinweise für den Interpreten verstanden werden. Aber auch jüngere Pianisten nehmen sich die Freiheit, Beethovens Noten nicht sklavisch nachzuvollziehen und erreichen eine persönliche und auch überzeugende Sichtweise (Södergren, Lortie, Pletnjew). Backhaus, Rubinstein, Gieseking, aber auch die meisten der heutigen Klavierspieler erlauben sich diese Sicht nicht, bleiben deshalb in ihren Wiedergaben oft etwas (zu) objektiv, neutral, lassen nicht immer eine besondere Beziehung zur Musik erkennen und manche von ihnen spielen dann nicht die „Lebewohl-Sonate", sondern Nr.26 op.81a (Buchbinder, El Bacha, Heidsieck, Goode, Duchable, O’Conor, Yokoyama, Várjon).
Die beste Einspielung hat m.E. der bei uns viel zu wenig bekannte kanadische Pianist österreichischer Abstammung Anton Kuerti vorgelegt. Er spielt die Einleitung abgrundtief traurig, im folgenden Allegro herrscht Ungewissheit, Wehmut durchzieht trotz aller manuellen Bewegung den Satz. Im letzten Satz spürt man den Überschwang der Gefühle bereits vom 1. Takt an. Eine singuläre Leistung, wobei ich die Analekta-Ausgabe der Monitor-Platte wegen der besseren Pressung vorziehe.
Nicht ganz so tiefschürfend, jedoch immer noch sehr ausdrucksvoll Solomon, Schnabel und die wenig bekannte Inger Södergren, die mich jedoch im letzten Satz nicht überzeugen kann. Man könnte meinen, dass in ihrer Lesart das Wiedersehen nur in der Vorstellung stattgefunden habe. Es fehlt der Darstellung auch die überschwängliche Freude bei der Rückkehr des Erzherzogs. Södergren legt uns hier zwar eine interessante, aber im letzten Satz problematische Interpretation vor.
Sehr eigenwillig interpretiert auch Michail Pletnjew die Sonate: leichte Tempomodifikationen, Rubati um Zusammenhänge und Abläufe zu verdeutlichen, die Hände spielen nicht immer egal, der Notentext wird nicht als Perpetuum geboten sondern in bestimmter Weise gegliedert (z.B. 3. Satz a) T.37-40, b) T.41-44, c) T.45-48, d) T.49-52, deutliche Beschleunigung in T.116-121). Andererseits werden einige Details beleuchtet, über die andere Pianisten hinwegspielen. Insgesamt liegt hier eine ernstzunehmende und mit Einschränkung überzeugende Sicht auf das Werk vor.
Kempffs Einspielungen überzeugen mich bei der „Lebewohl-Sonate" weniger. Dem Übergang von der Einleitung zum Allegro des 1. Satzes fehlt die Spannung, das folgende weitausgreifende Thema klingt seltsam gestelzt, hölzern und wenig geschmeidig. Den 2. Satz spielt er mir zu schnell, im Schlusssatz jedoch wird etwas vom Überschwang der Gefühle beim Wiedersehen erlebbar.
Wilhelm Backhaus‘ Interpretationen zeignen sich alle durch frischen, bestimmten Zugriff auf das jeweilige Werk aus, grübeln scheint im fremd zu sein. Von den drei aufgeführten CDs gefällt mir die älteste von 1954 am besten, sie hat mehr Atmosphäre als die Studio-Einspielung von 1961, die allerdings mit einem furios gespielten Schlusssatz glänzt, der Allegro-Teil des 1. Satz ist jedoch etwas „gefingert" ausgefallen, Backhaus war damals bereits 77 Jahre alt. In der Aufnahme seines letzten Salzburger Klavierrecitals beachtet er die espressivo-Vorschriften der langsamen Einleitung und des 2. Satzes kaum, der Übergang zum Allegro des 3. Satzes hat kein Geheimnis, im Schlusssatz ist das Tempo nicht immer stabil.
Bei Claudio Arrau wird immer mit Nachdruck gespielt, die Vorschriften des Notentextes werden akribisch nachvollzogen, kein Detail geht bei ihm verloren. Doch nicht alles überzeugt vollends, z.B. könnte der 3. Satz – „im lebhaftesten Zeitmaße"- bei Arrau noch schneller sein, die technischen Voraussetzungen hierfür hat er an anderer Stelle nachgewiesen. Am besten gefällt mir seine erste Aufnahme, die in zwei Sitzungen 1947 und 1949 von der amerikanischen Columbia aufgenommen wurde.
Man mag Friedrich Guldas Einspielungen für einseitig halten, für zu schnell und zu leichtfüßig gespielt, gewiss. Gulda aber vergewaltigt keineswegs den Notentext und bringt das Kunststück fertig, auch die langsame Einleitung sowie das Andante trotz schnellerer Gangart mit Leben und Poesie zu füllen und nicht als Fremdkörper wahr zu nehmen. Das geforderte Tempo legt Gulda ohne Einbußen an Deutlichkeit (sogar elegant) hin. Übrigens auch Schnabel, Gieseking, Richter-Haaser und Perahia.
Die Wiederholung der Exposition im 1.Satz wird von allen Pianisten befolgt, die im 3. Satz bleibt von Godowsky, Casadesus, Kempff, Nat und Gulda-50 unbeachtet.
eingestellt am 29.07.07