Das Klassik-Prisma  
 

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Schubert            home

Streichquartett G-dur D.887

Busch Quartett

EMI

1938

40‘42

5

Atmosphäre, sehr intensiv, II in zeitbedingtem Stil, viele portamenti

Mandelring Quartett

audite

2005

50‘24

5

II bei aller Dramatik auch ein kleiner Sonnenstrahl, III Trio schneller, da kann Gefühligkeit nicht aufkommen, IV nicht richtig assai – insgesamt helles, offenes Klangbild

Amadeus Quartett

DGG

1951

42‘51

5

I dramatische Sicht mit Einsatz, manchmal auf Kosten der Tonschönheit, II sehr konzentriert und expressiv, könnte etwas Wärme vertragen, IV auf die Sekunde genau wie Busch, Vl.1 in höchsten Lagen nicht immer ganz sauber

Hagen Quartett

DGG

1998

49‘30

5

I im Ansatz wie das Carmina Qu., jedoch mit etwas mehr Blut und Ausdruck, ziemlich überzeugend, II sehr differenziert, wenig vibrato, vor allem in den leisen Stellen, III nicht immer messerscharf zusammen, IV Marcato-Stelle T.210 ff etwas langsamer, hier und da kleine Kratzgeräusche

Leipziger Streichquartett

MDG

1994

50‘15

5

I sehr homogen sowohl in den dramatischen als auch lyrischen Abschnitten, II Tremoli sehr kräftig, orchestral, IV Intonation nicht immer top

 

Auryn Quartett

Tacet

1989

44‘53

4-5

homogenes und genaues Spiel, sehr expressiv, gezügelte Dramatik, rhythmisch sehr präzise mit genau platzierten Akzenten, I aufmerksamer spannungsvoller Beginn, danach geringer Abfall der Spannung, III nicht zu schnell, im Trio guter Dialog zwischen den Instrumenten, IV Stahlsaite der 1.Vl. stört manchmal

Auryn Quartett

CPO

1997

42‘27

4-5

ein klein wenig schneller als 1989, jedoch nicht immer so ausgezirkeltes Spiel, III rasant, lässt sich aber im Trio Zeit, erreicht jedoch nicht die frühere Ausdruckstiefe, IV um 1 Minute schneller, etwas überzeugender, keine störenden Stahlsaiten, schöne Cellokantilene T.339-354

Quartetto Italiano

Philips

1977

55‘10

4-5

I die ersten 32 Takte magisch!!, molto espressivo, Andante!, II langsamer, auch hier sehr expressiv, III Lautstärkedifferenzierung nicht so hervorragend wie in Satz I und II, Trio: Cellostimme am Anfang geht etwas unter, IV nicht sprizig, keine auftaktige Artikulation, nicht von der Qualität der ersten beiden Sätze

Alban Berg Quartett

EMI

1979

44‘09

4-5

I etwas Hall, Klangbild zugunsten der 1.Vl. verschoben, Vc im Hintergrund, in lauten Tuttipassagen ziemlich orchestral, mit viel Einsatz musiziert, II Cello jetzt besser, III Va. zu leise, IV 1. Note betont??; Vl.1 bei der marcato-Stelle T.210 ff nicht auftrumpfend sondern wie vorgesehen mf

Alban Berg Quartett

EMI

1997

50‘04

4-5

live – I Vl.1 bei den Spitzentönen oft stahlig, auch hier Vc benachteiligt, II Vc jetzt wieder da, im ff Klang stahlig, III Trio Bratsche?, IV etwas zurückgenommenes Tempo, deshalb öffnen sich Gestaltungsräume, Vl.1 führt

Amadeus Quartett

DGG

P 1965

43‘35

4-5

Kopie der früheren Aufnahme, jedoch ohne deren Intensität, aber etwas mehr Wärme, Klangbild durchsichtiger, Scherzo und Finale etwas langsamer, II am Anfang mf statt pp

Neues Ungarisches Streichquartett

Vox

P 1973

44‘05

4-5

etwas enges Klangbild, I geschlossenere Darstellung als in alter Besetzung, II sehr ausgewogen, Spieler reagieren gut aufeinander, IV nicht ganz so schnell wie früher, marcato-Stelle T.210 ff markiert, jedoch nicht kratzig

Carmina Quartett

Denon

1996

43‘03

4-5

I pianissimo-Kultur!, ganze Palette der Dynamik genutzt, immer sehr durchsichtig und kontrolliert, auch in den ff-Ausbrüchen, keineswegs gefühlsarm, II Cellist in dieser wichtigen Partie nicht immer ganz top in der Phrasierung, IV etwas unruhig

Kremer, Phillips, Kashkashian, Ma

Sony

1985

53‘35

4-5

I Anfang sehr geheimnisvoll und scheu, molto molto moderato, fast schon Andante, tritt stellenweise auf der Stelle, Lautstärkepalette wird endlich einmal ausgeschöpft, eher mit dem Kopf als mit dem Herz. 4 Einsame und Schubert. II Tempo jetzt angemessen, III entspannt, Trio anfangs seltsam blutleer, wie hinter einer Milchglasscheibe, IV nicht immer tonschön

Pražak Quartett

Praga

2007

49‘14

4-5

I 2. Thema nur mp statt pp, feurig erregt, dramatisch, Spieler reizen ihre Partie voll aus, orchestral, II zufriedenstellend, es fehlt jedoch an klanglicher Wärme, IV technisch hervorragend bewältigt, Wärme?

 

Takács Quartett

Decca

1996

48‘12

4

I feurig erregt in den Abschnitten des 1. Themas, beim 2.Th. ein wenig schneller, lustvolles Spiel auf Kosten der Homogenität, II T.139 ff Innenstimmen zu leise, T.154 schneller, III sehr nervös, fast schon gehetzt, jedoch kontrolliert, schönes Trio, IV assai, im Zustand des Dileriums

Bartholdy Quartett

EMI

P 1978

44‘27

4

I nicht immer folgerichtig artikuliert, Vc T.24 ff zu leise, manchmal zu zaghaft und unentschlossen, nie große Geste, II dynamisch fein abgestuft, gute Kammermusik, III alles sehr schlank, Trio 2.Teil: auch Va beteiligt sich thematisch, IV kein assai, marcato T.210 ff könnte etwas kräftiger sein, Vc stellenweise zu leise

Brandis Quartett

Orfeo

1981

50‘46

4

Orchestermusiker betreiben Kammermusik, I Vc T.24 ff etwas schwergängig, breiter Strich, orchestral direkt, T.180-188: von den Geheimnissen anderer Quartette hier nichts zu vernehmen, II gute Darstellung, III präzise Achtel-Ketten spiccato, IV kein richtiges assai

Tokyo String Quartet

RCA

1989

46‘16

4

I konzertant, etwas robust, orchestral, kein wirkliches pp, jetzt sehr konzentriert, gute Kammermusik, III Trio Stimmen etwas nivelliert, IV konzertant – etwas eingeengtes Klangbild

Kolisch Quartett

Columbia/  strings

1934

36‘38

4

I dramatisch, 2.Thema etwas zu laut, 1.Violine oft im Vordergrund, II sehr bewegt, Tempo nicht konstant, Überspielung könnte besser sein, IV kompaktes Klangbild, aus dem Einzelheiten nicht immer zu erkennen sind, marcato-Stellen langsamer, Intonation ?

Melos Quartett

HMF

1991

49‘42

4

I orchestral, dramatisch, einige Drücker in Vl.1, musikantischer Ansatz, II Lautstärke wenig differenziert, orchestral, III Klang etwas dicker, vergrößert, IV wie II, kein assai

Ungarisches Streichquartett

EMI

1968

40‘20

4

I eher orchestral, Vc T.109 etwas harmlos, gelungen: T.301 ff, IV Artikulation lässt manchmal Wünsche offen

 

Ungarisches Streichquartett

Music & Arts

1958

39‘23

3-4

live – I kein molto moderato, eher orchestral als kammermusikalisch, nervös, II selten gefordertes p, findet keine Ruhepunkte, III Trio: Grundlautstärke zu hoch, IV sehr schnell, Artikulation und Intonation nicht sauber – trotzdem irgendwie faszinierend; gepresstes Klangbild, wie in einem Zelt bei Regen

The Lindsays

ASV

P 1989

49‘19

3-4

I ausgeprägte Klangkultur?, II etwas robust, III Trio Teil 1: Melodie-Begleitung müsste klarer herausgearbeitet werden, IV etwas einförmig

Emerson String Quartet

DGG

1988

44‘38

3-4

oft metallischer Klang der Saiten, insgesamt al fresco, wenig gepflegtes Klangbild, I expressive Darstellung, sehr durchsichtig, II mächtige Tremoli wie beim Kammerorchester, III/IV teilweise grob, hier und da unsauber

Juilliard Quartett

CBS/Sony

1980-83

44‘38

3-4

I orchestral, expressiv, jedoch stellenweise derb, al freso, nicht von der Klangkultur früherer Aufnahmen, II/III Lautstärkedifferenzierung könnte besser sein, mehr al fresco, IV hört sich an wie wenig geprobt

 

Medici String Quartet

Koch-Schwann

1996

53‘51

2-3

I im Klang hölzern, wenig geschliffen, in den Tremoli nicht immer messerscharf zusammen, technisch nicht auf dem Niveau von Spitzenensembles, bemüht, II Cello etwas steif, insgesamt hölzern, III entspannt, Trio: Nebenstimmen drängen sich vor die Hauptstimme(n), IV etwas besser, kein assai; die Aufnahme klingt insgesamt etwas amateurhaft

Das Streichquartett in G-dur ist Schuberts letztes Quartett, es entstand im Juni 1826, übrigens in zeitlicher Nachbarschaft von Beethovens letztem Quartett F-dur op.135. Charakteristisch für die beiden ersten Sätze sind die Tremoli, also die schnelle Wiederholung von Noten (hier meist 32-tel). Tremoli wurden bis zu Zeit der Entstehung des Quartetts und darüber hinaus im Orchester als Effekte meist bei Nebenstimmen zur Untermalung der Hauptstimme eingesetzt. So verwendet sie Schubert auch in diesem Quartett, zusätzlich gewinnen sie hier Bedeutung durch deren Verwendung in den thematisch führenden Stimmen. Walter Riezler schreibt im Hinblick auf D.887, Tremoli seien „ Ausdruck innerer Bewegtheit individueller Stimmen". * Einige Quartettformationen wie das Juilliard Quartett unterstreichen die orchestralen Effekte zu sehr.

Während des 2. Satzes (Andante un poco moto) sollte m.E. bei aller Dramatik und Erregtheit eine „Grundruhe" spürbar sein, zu der die Spieler immer wieder zurückkehren.

Im 3. Satz (Scherzo, Allegro vivace) sind ganztaktige Achteltremoli allgegenwärtig, sie müssen immer sehr locker gespielt werden, damit die Musik nicht steif klingt. Im Trio (Allegretto) wendet sich plötzlich Schuberts Blick nach einem melancholischen Beginn in heimisch vertraute Gefilde. 16 Takte lang erklingt überraschend wienerische Musik, als Fremdkörper in einer anders gearteten Umgebung bleibt sie jedoch nur Episode. Das Busch Quartett, das Kolisch Quartett sowie das Ungarische Streichquartett in seiner live-Aufnahme lassen die wenigen Takte aufblühen. Das Melos Quartett spielt schon am Rande der Übertreibung, andere Formationen misstrauen den wienerischen Klängen und die Musik klingt da schon ein wenig unterkühlt (Juilliard, Ungarisches Streichquartett-EMI).

Das Finale (Allegro assai = sehr schnell) ähnelt im Gestus den Schlussätzen des d-moll Quartetts D.810 und der späten c-moll Klaviersonate D.958. Rastlos wirbelt die Musik, einem Perpetuum mobile ähnlich, dahin. Die in den beiden ersten Sätzen determinierenden Tremoli finden sich hier in schnellen Repetitionen von Achtelnoten wieder. Nur an zwei als ben marcato ausgewiesenen Stellen (T.210-230 sowie T.580-600) findet die Musik kurze Zeit zum Innehalten, es sind jedoch auch nur Episoden, ohne Folgen für den weiteren Verlauf der Musik. Das G-dur Quartett D.887 als ganzes gesehen hinterlässt beim Hörer wie kaum ein anderes „Spätwerk" des noch jungen Komponisten Franz Schubert den Eindruck äußerster Konzentration.

Auf Grund der spürbar überwältigenden schöpferischen Kraft dieses Werkes, die den Hörer in ihren Bann schlägt, ist dieser leicht versucht, über kleine Unebenheiten der Darstellung hinwegzuhören oder sie erst gar nicht wahrzunehmen. Die Quartettformationen etwa seit den 70er Jahren spielen in der Regel auf einem technisch höherem Niveau als die Quartette zuvor. Diese können jedoch mit einer unverwechselbaren Physiognomie punkten, die den jüngeren Quartetten eher abgeht.

Zur Zeit der Schellack- und Langspielplatte waren die Beachtung der Wiederholungen in den Ecksätzen eher die Ausnahme, heute werden sie meist ausgeführt. Sie fehlen bei Busch, Kolisch, Amadeus, Alban Berg. Auryn, Ungarisches Streichquartett, Neues Ungarisches Streichquartett und Juilliard verzichten lediglich auf die Wiederholung im 1.Satz (immerhin 5-6 Min). Im Scherzo fehlt die 2. Wiederholung bei Busch, Kolisch, im Trio fehlt die 2.Wiederholung bei Amadeus-51.

*Walter Riezler: Schuberts Instrumentalmusik, S.92, Zürich 1967

eingestellt 21.06.09

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