Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel

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Prokofieff    home

 

1. Sinfonie D-Dur op. 25

 

„Symphonie classique

 

Allegro – Larghetto – Gavotta, non troppo Allegro – Molto Vivace

 

 

Prokofieffs 1. Sinfonie entstand am Ende seiner Ausbildung am St. Petersburger Konservatorium 1916/17 und wurde ein Jahr später in derselben Stadt uraufgeführt. Es war nicht sein erster Versuch in diesem Genre, zuvor entstanden bereits drei Sinfonien, die als Studienwerke anzusehen sind und unveröffentlicht blieben. Die Entstehung der Symphonie classique wird als bekannt vorausgesetzt: Konzertführer, CD-Booklets und einschlägige Internetbeiträge berichten darüber ausführlich, dabei stützen sie sich meistens auf Prokofieffs Angaben in seiner Autobiographie. Die Sinfonie sollte wie eine von Haydn geschaffene klingen, wenn dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt hätte. Prokofieff hält sich jedoch nur oberflächlich an das einst von Haydn geschaffene Kompositionsmuster. Mit Witz führt er den Hörer auf das Glatteis, indem er ungewohnte harmonische Wendungen bringt, inklusive falsche Schlüsse. Auch die klassische Periodenbildung steht zur Diskussion. Andererseits finden, vor allem im Finale, „Mannheimer Raketen“ (= schnelle, aufsteigende Tonleiter) immer wieder Verwendung. Es liegt hier keine ausgesprochen moderne Musik vor, wie sie der Komponist bis dahin seinen Lehrern sowie dem Publikum präsentierte, eher eine liebenswürdige Parodie des klassischen Vorbilds. Die Sinfonie kann man sachlich, mit kühlem Kopf spielen. Sie ist aber erst dann richtig interessant, wenn Fantasie, Feinsinn und Humor hinzutreten. Der Musikologe Diether de la Motte äußerte sich einst treffend: „Die Sinfonie ist ein Werk, das allen Hörern das „Du“ anbietet.“

Es folgen einige Hinweise zu den einzelnen Sätzen:

1. Satz: So leicht und unbeschwert sich die Symphonie classique dem Hörer darbietet, ist sie für die Orchestermusiker keineswegs, etliche heikle Stellen erfordern höchste Aufmerksamkeit und müssen im Zusammenspiel genauestens geprobt werden. Dazu gehören gleich zu Beginn die ersten beiden Takte vor Beginn des ersten Themas. Bei einer Studio-Aufnahme können sie immer wieder geprobt werden, bis sie perfekt und locker klingen. Eine Konzertdarbietung ist jedoch wie ein Sprung ins kalte Wasser, deshalb fangen einige Dirigenten hier etwas vorsichtig an.

Das zweite Thema, T. 45 ff von den ersten Geigen grazioso vorgetragen, wird von einem Fagott in durchgehenden Viertelnoten begleitet, sie entpuppen sich bei genauerem Hinsehen/-hören als sogenannte Albertibässe aus der Zeit der Klassik, in Klaviersonaten oder als Begleitung im Orchester meistens durch Bratschen und Celli oder auch Fagotte. Die Exposition ist durch eine (ungewohnte) Generalpause von der Durchführung getrennt. In ihr  gewinnt das zweite Thema die Überhand, es tauscht seinen grazioso-Charakter gegen einen majestätisch klingenden Marsch ein, wobei das Thema abwechselnd in tiefer, unterstützt durch die Hörner, und hoher Lage zu hören ist. Auf dem Höhepunkt setzen die Geigen eine Viertelnote später ein, die jetzt dazu tretenden Trompeten vier Takte danach jedoch „richtig“. Die Sprengkraft dieser rhythmischen Verschiebung gilt es deutlich herauszustellen, auch wenn es für „moderne“ Ohren nichts Ungewöhnliches mehr ist.

Der 2. Satz, ein Larghetto in der fünfteiligen Form ABA’B’A‘, beginnt mit einer viertaktigen Einleitung der Streicher sowie einer Pauke. Am Ende des Satzes begegnen wir ihr erneut, jetzt jedoch um zwei Takte plus einer Viertel verlängert. Aufmerksame Dirigenten heben dort das zweimalige cis-a der Pauke ein wenig hervor, was dann sehr stimmungsvoll klingt. Am Satzanfang vermisst man es, wenn man den Satz gut kennt.

Im sehr knappen 3. Satz verwendet Prokofieff kein „klassisches“ Menuett (im Dreivierteltakt), sondern eine aus der Barockzeit stammende Gavotte (im zwei-Halbe-Takt), mit einem charakteristischen halbtaktigen Auftakt zu Beginn. Das Trio ist über fortlaufenden Bordoun-Quinten komponiert, wie man es zu Haydns Zeit in der Volksmusik findet. Die Wiederholung der Gavotte stellt eine komprimierte Fassung des ersten Abschnitts dar, die Verwendung der Flöten entführt den Hörer nun in die Zeit des Rokoko.

Dem Finalsatz liegt wie dem Kopfsatz die Sonatenform zugrunde, sogar mit Wiederholung der Exposition, die in unseren Aufnahmen durchgehend befolgt wird. Aus dem klassischen Kanon übernimmt Prokofieff hier die Motivspiegelung beim 2. Thema: die ersten Geigen bringen mehrmals ein aufwärts hüpfendes Motiv, das anschließend von Klarinetten und Fagotten wieder nach unten geleitet wird. Wenn diesen beiden Bläsern dieselbe Aufmerksamkeit wie den Geigen zu Teil wird, klingt diese Stelle richtig witzig-fröhlich. Darüber breiten Flöten und Oboen einen locker gewebten Klangteppich aus Achtelnoten – wieder in Alberti-Manier – aus. Diese Takte sind für die Bläser sehr heikel.

Das unbeschwerte Schlussgruppenthema (T. 75 ff), nacheinander von Flöte und ersten Geigen vorgetragen, erhält in der unmittelbar folgenden Durchführung einen quasi dramatischen Anstrich: Flöten, Oboen, Klarinetten und erste Geigen möchten es am liebsten zuerst vortragen und fallen sich dabei ins Wort. Kurz vor Satzschluss sind sich die Instrumente dann einig (T. 203 ff) und bieten es in harmonischem Einklang zum Besten.

 

5

Dimitri Kitajenko

Moskauer Philharmoniker

Melodya

1987

13‘31

 

s. u.

5

Pierre Monteux

Boston Symphony Orchestra

WHRA

1958

13‘29

 

live, s. u.

5

Ferenc Fricsay

RIAS Symphonie-Orchester Berlin

DGG

1954

13‘56

 

I ganz entspannt, Stimmverläufe bestens zu verfolgen, deutliches Streicher-Arpeggio in den ersten beiden Takten, gute Transparenz und Balance, II Atmosphäre, III die unterschiedliche Instrumentation der Abschnitte A und A‘ genauestens herausgearbeitet, IV molto vivace, wie ein Wirbelwind

5

Efrem Kurtz

Philharmonia Orchestra London

EMI

P 1958

13‘39

 

I sehr farbiges Klangbild, delikates Musizieren, rhythmische Verschiebung T. 137-140 weniger deutlich, Pizzicati der Kb etwas zu leise, II wie eine spannende Erzählung, IV lebendig – insgesamt breite Dynamik

5

Sergiu Celibidache

Berliner Philharmoniker

EMI

1948

14‘51

 

s. u.

5

Joseph Swensen

Scottish Chamber Orchestra

Linn

2003

14‘00

 

aufmerksames Dirigat,  artikulatorische Feinarbeit, mit viel Klangsinn, sehr gute Transparenz und Balance

 

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1982

13‘35

 

I drängend, ungeduldig, saftiger Klang, großbesetztes Orchester, II bessere Transparenz als in Satz I, farbiger Klang, Atmosphäre, IV bewegt, pulsierend, schwungvoll, sehr farbig

4-5

Yuri Temirkanov

St. Petersburg Philharmonic Orchestra

RCA

1991

14‘05

 

entspanntes Musizieren, breites Klangbild mit etwas Hall, gute Dynamik, IV farbiger Klang, nicht forciert

4-5

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

Capitol     EMI

1953

13‘17

 

I sehr hurtig, tänzerisches 2. Th., II nicht ganz so durchgearbeitet wie Satz 1, III Gavotte, kein Menuett, IV überschäumende Musizierlaune – gute Transparenz und Balance, guter Monoklang

4-5

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1951

13‘47

 

insgesamt entspanntes Musizieren, Musik meist auf den Punkt gebracht, für Toscanini-Aufnahmen guter und transparenter Klang – I sehr lebendig, II schwerblütige E, Satz könnte insgesamt etwas beweglicher sein

4-5

 

Orpheus Chamber Orchestra

DGG

P 1988

13‘59

 

detailreiches Musizieren, vorbildliche dynamische Gestaltung, sehr gute Balance und Transparenz, farbiges Klangbild (Holzbläser), trotz aller Meriten: der Interpretation fehlt ein Lächeln – II Zweiunddreißigstel-Noten in Flöten T. 50 und 52 wirklich einmal deutlich, nachdenklicher Schluss

4-5

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS   Sony

1968

13‘23

 

I mit spürbarer Hingabe, Bernsteins Temperament und Prokofieffs Musik im Gleichklang, II immer lebendig, deutliche Zweiunddreißigstel der Flöte T. 50/52, IV ausgelassen, Bernstein versprüht gute Laune – farbiges Klangbild mit hinreichender Transparenz, dynamische Differenzierung im p-Bereich nicht ausgeschöpft

4-5

Claudio Abbado

London Symphony Orchestra

Decca

1969

13‘51

 

s. u.

4-5

Kyrill Kondraschin

Staatskapelle Dresden

Eterna

Berlin Classics

1955

12‘59

 

I lebendig, Stimmverläufe gut zu verfolgen, II Atmosphäre, III Gavotte etwas derb, IV molto vivace – gute Transparenz und Balance

4-5

Igor Markevitch

Philharmonia Orchestra London

EMI           Testament

1951/52

13‘21

 

I sehr transparent, Stimmverläufe gut nachgezeichnet, in I und II etwas herber Klang, III unterschiedliche Gestaltug der Abschnitte A und A‘ weniger deutlich als z. B. bei Fricsay, IV schwungvoll

4-5

Kurt Masur

Dresdner Philharmonie

Eterna           Berlin Classics

1969

13‘21

 

s. u.

4-5

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

Decca

1972

14‘02

 

sorgfältig, mehr sachlich als temperamentvoll, gute dynamische Differenzierung, sehr gute Transparenz und Balance, auf bekanntem hervorragendem Academy-Niveau

4-5

Neville Marriner

London Symphony Orchestra

Philips

1980

14‘13

 

in der Anlage ähnlich wie acht Jahre zuvor, jetzt großbesetztes Orchester, vermindert die Leichtigkeit – I nicht ganz so quirlig, II bewegt, anfangs zu wenig sensibel, IV mit etwas mehr Nachdruck

4-5

Dimitri Kitajenko

Gürzenich-Orchester Köln

Phoenix         Capriccio

P 2008

14‘39

 

s. u.

4-5

Pierre Monteux

Orchestre National Paris

M&A

1958

14‘15

 

live, s. u.

4-5

Hugh Wolff

Saint Paul Chamber Orchestra

Teldec

1992

13‘25

 

sauber musiziert, Stimmverläufe gut nachgezeichnet, alles läuft wie geschmiert; helles, offenes Klangbild, stimmige Tempi

4-5

Sergiu Celibidache

Berliner Philharmoniker

audite

1946

14‘14

 

live, s. u.

4-5

André Previn

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Philips

1987

13‘34

 

s. u.

 

4

Kurt Masur

London Philharmonic Orchestra

Teldec

1990

14‘06

 

s. u.

4

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1956

12‘34

 

I sehr lebendig, zugespitztes Musizieren, rhythmische Verschiebung T. 137-140 nicht deutlich, II immer lebendig, hellwach musiziert, IV Allegro molto, Blech an den wenigen Stellen nicht nach seiner Funktion eingesetzt – spitzer Klang mit Hall

4

Claudio Abbado

Chamber Orchestra of Europe

DGG

1986

13‘04

 

s. u.

4

Gennadi Roshdestvensky

Großes Staatliches Sinfonie-Orchester des Rundfunks und Fernsehens der UdSSR

Melodya

1966/67

13‘06

 

 unnatürlicher Klang, hohe Geigen, Flöten und Trompeten klingen spitz und drahtig, Bässe bleiben unterbelichtet, I sehr lebendig, II gelassen, IV betörender Klang der Flöte bei Abschnitt A‘ -  bei günstigeren  Aufnahmebedingungen würde eine Höherstufung erfolgen

4

André Previn

London Symphony Orchestra

EMI

1978

14‘01

 

s. u.

4

Philippe Jordan

Orchestre de l’Opera de Paris

Erato

2016

13‘57

 

leicht asketischer Klang, Hörner und vor allem Trompeten deutlicher als bei fast allen anderen Interpretationen, andererseits auch überspielte Motive und Floskeln – II ruhig, etwas distanziert, IV gefällt am besten

4

James Gaffigan

Nederlands Philharmonic Orchestra

Challenge

2016

14‘14

 

I schwungvoller Vortrag, orchestral jedoch ein wenig robust, II stimmungsvoll, eher spätromantischer als klassischer Klang, III B-Abschnitt weniger differenziert, IV con spirito

4

Riccardo Muti

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Media

1999

14‘40

 

live – I kein Losstürmen, eher gemäßigt, 2. Th etwas langsamer, II gelassen, anfangs wenig Spannung, später schon, deutliche Zweiunddreißigstel der Flöte T. 50/52, III A mit Nachdruck, IV mit Witz und Humor

4

Riccardo Muti

Philadelphia Orchestra

Philips

P 1992

13‘50

 

I etwas wuchtig, weniger filigran, II bewegt – insgesamt gut, lässt jedoch nie aufhorchen, großformatiger Orchesterklang, opulent, Bässe wünschte man sich schlanker

4

Seiji Ozawa

Berliner Philharmoniker

DGG

1989

15‘48

 

sorgfältig, sauber, aber etwas distanziert – I-III klar, deutlich, jedoch in mäßigem Tempo und geringerer Spannung, IV jetzt endlich etwas schneller

4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS    Sony

1961

12‘44

 

I großformatig, immer deutliche Stimmführungen, 2. Th pointiert, deutliche Verschiebung T. 137-140, II sehr bewegt, Sechzehntel-Noten wünschte man sich etwas filigraner, III Abschnitte A und B wie nur durchgespielt, A‘ aufmerksamer gestaltet, IV temperamentvoll – eine der schnellsten Aufnahmen

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1981

13‘58

 

I ohne spürbare Hingabe, Balance nicht immer überzeugend, da den ersten Geigen eine führende Rolle eingeräumt wird, II sachlich, Bässe klanglich benachteiligt, III überzeugendes Finale T. 29 ff, IV ausgewogen, mehr an der Oberfläche musizierend – nicht sonderlich farbiger Klang

4

Alberto Zedda

Orchestre de Chambre de Lausanne

Virgin

1990

14‘15

 

Musizieren auf hohem Niveau, sachlicher Vortragsstil, Zedda achtet mehr als andere auf Hörner und Trompeten

4

Carlo Maria Giulini

Los Angeles Philharmonic Orchestra

DGG

1976

14‘24

 

I gepflegtes Musizieren, in ruhiger Gangart, II jetzt bewegter, gestalterischer Ernst, III herb, IV eher sachlich als temperamentvoll

4

Gerard Schwarz

Los Angeles Chamber Orchestra

Delos

1984

13‘12

 

I scharfe Klanglichkeit, Neigung zum Auftrumpfen, weniger geschliffen, II sehr bewegt, kein ruhender Pol, IV von musikalischer Energie sprühende Interpretation – auffallend ähnliche Artikulationen (entgegen der Partitur) zu Giulini im dritten Satz bei T. 5/6, 10/11 und 12/13

4

Michael Tilson Thomas

London Symphony Orchestra

Sony

1991

14‘44

 

I selbstverständliche Perfektion, jedoch kaum Esprit, deutliche Verschiebung T. 137-140, II bewegt, etwas sachlich kühl, III im B-Abschnitt Bässe als Bordoun nicht zu vernehmen, IV mit Schwung, aber auch hier sachlich

 

3-4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1988

16‘44

 

live, s. u.

3-4

Mstislav Rostropovitch

Orchestre National de France

Erato

1986

15‘22

 

I gemächlich, ohne Esprit, in der Durchführung exponiertes Blech, II Adagio, Anflug von Behäbigkeit, IV jetzt adäquateres Tempo

3-4

Theodore Kuchar

Nationales Sinfonie-Orchester der Ukraine

Naxos

1995

15‘34

 

I Orchester etwas fest, weniger geschmeidig musizierend, II angenehm ruhig, IV etwas eindimensional – Aufnahmetechnik gelingt es nicht einen farbigen Bläserklang zu präsentieren, Oboe in allen Sätzen deutlich zurückgesetzt, Pauke hat einen höheren Stellenwert als in den meisten anderen Aufnahmen

 

3

Yuri Simonov

Royal Philharmonic Orchestra London

RPO Eigenlabel

1996

14‘28

 

Musik geschieht wie von selbst, teilweise wie mit erhobenem pädagogischem Zeigefinger, II Abschnitt B tapsig, III schleppend, ohne Esprit, IV ohne Schwung

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

 

Pierre Monteux

 

Nach Anhören der beiden vorliegenden Konzert-Mitschnitte wünschte man sich auch von Monteux eine kommerzielle Aufnahme von Prokofieffs erster Sinfonie, was leider versäumt wurde. Der Dirigent verfügt über ein besonderes Gespür für diese Musik und lässt sie zu einem Erlebnis werden. Er durchleuchtet die Partitur, zeigt die Strukturen der Komposition auf und lässt den Hörer an den Instrumentationsfinessen teilhaben. Das tritt vor allem bei der Bostoner Aufnahme zutage, die schon in Stereo mitgeschnitten wurde. Die Pariser Aufnahme, obwohl in zeitlicher Nähe entstanden, fällt dagegen etwas zurück: Das Orchester  erreicht nicht das Niveau des BSO, vielleicht hat Monteux deshalb die Tempi in allen Sätzen etwas zurückgenommen. Der Klang ist weniger offen und auch weniger farbig.

 

Sergiu Celibidache

 

Als der neue Chefdirigent Celibidache 1946 in Berlin mit den Philharmonikern Prokofieffs Symphonie Classique aufführte, war es für die meisten der Zuhörer eine Novität, da Musik aus dem bolschewistischen Russland jahrelang in Deutschland nicht erwünscht war. Die Aufführung wird ein Erfolg gewesen sein, keine zwei Jahre später wurde die Sinfonie vom deutschen Label Electrola für die Schallplatte aufgezeichnet. Der Konzertmitschnitt und die Plattenaufnahme ähneln sich interpretatorisch: Celibidache leuchtet in die Partitur, sorgt für eine genaue und deutliche Artikulation, achtet auf Details und legt Stimmführungen frei. Im Gegensatz zu den meisten Dirigenten setzt er sein Augenmerk auch auf das Blech, das jetzt nicht nur beim Akkordspiel hervortritt. Die Tempi sind, abgesehen vom Finale, ein wenig langsamer als üblich. Der Rundfunkmitschnitt ist der Plattenaufnahme wie erwartet unterlegen, bei lauten Tutti-Stellen klingt das Orchester rau, teilweise ist er auch übersteuert. Die Plattenaufnahme dagegen wartet für die Aufnahmezeit und die Umstände der Produktion (Blockade Berlins) mit einem einigermaßen guten Klang auf.

Vierzig Jahre später, während seiner Zeit als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, stand auch Prokofieffs Sinfonie auf dem Programmzettel. Die Tempi während der ersten drei Sätze sind nun gedehnt, die Musik klingt phlegmatisch, jedoch immer sehr deutlich. Hier wird den beiden Hörnern und Trompeten noch mehr Aufmerksamkeit zuteil. Den zweiten Satz nimmt der Maestro unter die Lupe. Wer hören will, was Prokofieff so alles in die Partitur geschrieben hat, liegt hier richtig. Mit dem Finalsatz kehrt Celibidache dann wieder in die Konzertnormalität zurück.

 

Kurt Masur

 

Masurs erste Aufnahme der Symphonie Classique entstand mit der Dresdner Philharmonie, als dessen Chefdirigent er zu dieser Zeit fungierte. Sie ist eine gute bis sehr gute Produktion, sehr lebendig gespielt, auch im langsamen Satz. Das engagierte Orchester klingt jedoch nicht so gepflegt wie die Staatskapelle, die Streicher spielen teilweise etwas rau. Im ersten Satz könnte das Fagott die Begleitung des zweiten Themas etwas lockerer bringen, in der Durchführung kommt die rhythmische Verschiebung des zweiten Themas sehr gut heraus. Höhepunkt der Aufnahme ist das Finale, in der Masur das Burleske der Musik sehr gut trifft. Die Platte klingt hell, transparent und ist mit etwas Hall versehen. Auf der späteren CD mit dem London Philharmonic Orchestra wird schöner und gepflegter musiziert, jedoch im abgesicherten Modus, die Musik geht nicht so nahe als vorher. Alle Sätze werden etwas langsamer dargeboten, der abgerundete Klang für nimmt jedoch für sich ein.

 

André Previn

 

Zwei Interpretationen liegen mit Previn vor, die sich interpretatorisch nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Mit entschiedenem Zugriff geht der Dirigent den Kopfsatz an und lässt lebendig musizieren. Klar und spannungsintensiv verläuft der zweite Satz, wobei die Philips-Aufnahme bewegter musiziert wird, auch in der ausgewogenen Gavotte.  Das Finale klingt in London aufgekratzt, jedoch nach meinem Empfinden etwas distanziert. Die Musiker aus Los Angeles gehen lockerer, unbeschwerter zur Sache. Diese Aufnahme gefällt mir etwas besser, sie verfügt über eine bessere Transparenz und ein insgesamt weicheres Klangbild.

 

Claudio Abbado

 

Zwei Studio-Produktionen unter Leitung von Abbado stehen dem Hörer zur Verfügung, dabei gefällt mir die ältere mit dem London Symphony Orchestra etwas besser. Hier wird differenzierter musiziert, Abbado geht mehr ins Detail, die Ecksätze werden etwas schneller musiziert. Die spätere CD mit dem Chamber Orchestra of Europe klingt polierter und damit etwas geglättet. Der zweite Satz erfährt hier eine lebendige Darstellung.

 

Dimitri Kitajenko

 

Der Dirigent scheint zu Prokofieffs Erstling eine besonders enge Beziehung zu haben, neben zwei Studio-Produktionen existieren noch weitere Rundfunkmitschnitte. Mit dem Moskauer Philharmonikern gelang dem Newcomer 1987 eine exzeptionelle Einspielung: Locker, leicht und spritzig zieht die Musik vorüber, die Stimmführungen werden sehr gut nachgezeichnet, die Artikulation ist immer sehr deutlich, das unterstützt auch die messerscharfe Transparenz des Musizierens. Lobenswert ist auch der vorbildliche Umgang mit der Dynamik. Dazu tritt – für russische Verhältnisse – ein guter Klang. Köstliche Bläserdetails, man achte nur einmal auf das Fagott, zeugen von Kitajenkos aufmerksamen Umgang mit Prokofieffs meist humorvoller Musik, sie runden den außergewöhnlichen Eindruck ab.

Die spätere Aufnahme mit dem Kölner Gürzenich-Orchester ist auch gut, im Vergleich zur früheren jedoch nur durchschnittlich geraten. Kitajenko gelingt es hier nicht, die Musik so auf den Punkt zu bringen wie in Moskau. Sie klingt bei langsameren Tempi etwas breiter, auch ist der Klang insgesamt weniger differenziert, was aber auch der Aufnahmetechnik angelastet werden kann.

 

eingestellt am 21.06.18

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