| Das Klassik-Prisma | |
| Bernd Stremmel |
4. Sinfonie Es-dur
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Wand |
Berliner Philharmoniker |
RCA |
1998 |
68‘33 |
5 |
live |
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Wand |
Kölner Rundfunk-Sinf.-Orch. |
DHM/RCA |
1976 |
64‘14 |
5 |
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Wand |
NdR Sinfonie-Orchester |
RCA |
2001 |
71‘57 |
5 |
live |
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Böhm |
Wiener Philharmoniker |
Decca |
1973 |
67‘50 |
5 |
klar und intensiv, versetzte Einsätze im Blech sehr gut zu verfolgen, „die Analytische" |
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Klemperer |
Sinf.-Orch des Bayer.Rundfks |
EMI |
1966 |
60‘48 |
5 |
live |
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Walter |
Columbia Sinfonie-Orchester |
Sony |
1960 |
66‘11 |
5 |
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Furtwängler |
Wiener Philharmoniker |
Decca |
1951 |
65‘03 |
5 |
live München |
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Furtwängler |
Wiener Philharmoniker |
DGG |
1951 |
66‘22 |
5 |
live Stuttgart |
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Jochum |
Berliner Philharmoniker |
DGG |
1965 |
64‘15 |
5 |
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Jochum |
Staatskapelle Dresden |
EMI |
1975 |
64‘58 |
5 |
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Jochum |
Sinf.-Orch des Bayer.Rundf |
DGG |
1955 |
65‘22 |
5 |
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Blomstedt |
San Francisco Symphony Orchestra |
Decca |
1993 |
67‘17 |
5 |
atmend, spannungsvoll, auf Details eingehend, penible Beachtung der Binnendynamik, keinesfalls plakativ |
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Klemperer |
Philharmonia Orchestra |
EMI |
1963 |
60‘28 |
4-5 |
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Kempe |
Münchner Philharmoniker |
EMI |
1972 |
63‘48 |
4-5 |
live |
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Kempe |
Münchner Philharmoniker |
Scribendum |
1975 |
65‘02 |
4-5 |
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Abbado |
Wiener Philharmoniker |
DGG |
1990 |
68‘25 |
4-5 |
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Skrowaczewski |
Radio Sinfonie-Orchester Saarbrücken |
Oehms |
1998 |
70‘27 |
4-5 |
könnte in den Ecksätzen etwas schneller sein |
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Inbal |
Sinf.-Orch des Hess.Rundfks |
Teldec |
1982 |
68‘05 |
4-5 |
1. Fassung 1874 |
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Celibidache |
Rundf.- Sinf.-Orch. Stockholm |
DGG |
1969 |
68‘53 |
4-5 |
live |
|
Celibidache |
Münchner Philharmoniker |
EMI |
1988 |
79‘01 |
4-5 |
live |
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Janowski |
Orch. Philh. de Radio France |
Virgin |
1990 |
62‘50 |
4-5 |
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Kubelik |
Sinf.-Orch des Bayer.Rundf |
Sony |
1979 |
67‘02 |
4-5 |
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Schuricht |
Sinfonie-Orch. des SdR |
archiphon |
1955 |
69‘00 |
4-5 |
live |
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Kertesz |
Wiener Philharmoniker |
Decca/Testament |
1965 |
61‘10 |
4-5 |
konstante Tempi, klar, durchsichtig |
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Knappertsbusch |
Wiener Philharmoniker |
Decca/Testament |
1955 |
59‘51 |
4-5 |
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Suitner |
Staatskapelle Berlin |
Berlin Classics |
1989 |
64‘30 |
4-5 |
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|
Böhm |
Staatskapelle Dresden |
EMI |
1936 |
63‘16 |
4-5 |
objektiv, dem Anlass angemessen |
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Haitink |
Wiener Philharmoniker |
Philips |
1985 |
68‘30 |
4-5 |
etwas bedächtig |
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Andreae |
Wiener Symphoniker |
Orfeo |
1953 |
60‘44 |
4-5 |
live – Dokument des schweizer Bruckner-Apologeten |
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Herreweghe |
Orchestre de Champs-Elysées |
HMF |
2005 |
64‘15 |
4 |
setzt Harnoncourts Vorstellungen besser um |
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Kabasta |
Münchner Philharmoniker |
M&A |
1943 |
59‘56 |
4 |
Erinnerung an den Bruckner-Dirigenten O.K. |
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Walter |
NBC Symphony Orchestra |
History |
1940 |
58‘24 |
4 |
live – Störgeräusche der alten Acetatplatten |
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Masur |
New York Philharmonic Orchestra |
Teldec |
1993 |
66‘57 |
4 |
live – Konzentration lässt im Verlauf des Konzerts nach |
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Otterloo |
Residentie Orkest Den Haag |
Philips |
1953 |
63‘41 |
4 |
lebendige Darstellung, saftige pizzicati der Kontrabässe |
|
Haitink |
Concertgebouw Orchester |
Philips |
1965 |
63‘42 |
4 |
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Solti |
Chicago Symphony Orchestra |
Decca |
1981 |
63‘01 |
4 |
Interpretation etwas glatt, Solti achtet auf präzisen Ablauf, Einzelheiten scheinen ihm nicht so wichtig zu sein |
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Karajan |
Berliner Philharmoniker |
DGG |
1975 |
64‘06 |
4 |
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|
Karajan |
Berliner Philharmoniker |
EMI |
1970 |
69‘26 |
4 |
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Sinopoli |
Staatskapelle Dresden |
DGG |
1987 |
66‘49 |
4 |
dionysischer Bruckner wie bei Jochum, ohne dessen kontrollierten Überschwang |
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Beinum |
Concertgebouw Orchester |
APL |
1952 |
61‘45 |
4 |
live |
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Muti |
Berliner Philharmoniker |
EMI |
1985 |
69‘38 |
4 |
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Barenboim |
Berliner Philharmoniker |
Teldec |
1992 |
68‘17 |
4 |
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Tennstedt |
Berliner Philharmoniker |
EMI |
1981 |
70‘20 |
4 |
in lauten Tuttis etwas betulich, ruhiger, ausdrucksvoller 2.Satz |
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Harnoncourt |
Concertgebouw Orchester |
Teldec |
1997 |
62‘58 |
4 |
live |
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Knappertsbusch |
Berliner Philharmoniker |
History |
1944 |
59‘50 |
4 |
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Ormandy |
Philadelphia Orchestra |
Sony |
1967 |
63‘09 |
4 |
recht gut gespielt, jedoch keine besondere Affinität zu Bruckner erkennbar |
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Klemperer |
Kölner Rundfunk-Sinf.Orch. |
Nota blu |
1954 |
55‘16 |
4 |
live – „Die Dramatische" |
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Horvat |
Sinfonie-Orchester des Österreichischen Rundfunks |
SSC |
62‘26 |
3-4 |
1.Satz mehr referiert als erlebt, eingeebnete Lautstärke, selten mal ppp |
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Klemperer |
Wiener Symphoniker |
VOX/Membran |
1951 |
51‘17 |
3-4 |
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Konwitschny |
Tschechische Philharmonie |
Supraphon |
1952 |
70‘07 |
3-4 |
problematisches Blech, expressive pizzicati im 2.Satz |
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Rögner |
Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin |
Berlin Classics |
1984 |
58‘12 |
3 |
alles ziemlich schnell, keine Geheimnisse, alles viel zu direkt – guter Klang |
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Eschenbach |
Orchestre de Paris |
Ondine |
2003 |
73‘19 |
3 |
live – 1. und 4. Satz zu langsam, wie zelebriert, Temposchwankungen, Temporelation zw. 1.und 2. Satz stimmen nicht, am Schluss nur Klangbrei |
Dem Käufer einer CD mit einer
Bruckner-Sinfonie begegnet häufig auf der Hülle der Vermerk
„Original-Fassung", bei einer Sinfonie eines anderen Komponisten fehlt
dieser, warum?
Um diese Frage sachgerecht beantworten zu können,
sollte man einen Blick in Bruckners Kompositionswerkstatt werfen. Bevor er sein
als 1. Sinfonie benanntes Opus veröffentlichte, waren schon zwei andere
entstanden, eine in f-moll und eine in d-moll, später als „Nullte"
bezeichnet. Bruckner wurde bei seiner Arbeit immer wieder von Selbstzweifeln bezüglich
seiner wahren Absichten aber auch im Hinblick einer Aufführungsmöglichkeit
gequält. Schwer zu schaffen machten ihm auch die Anfeindungen führender Wiener
Musiker, vor allem aber des einflussreichen Kritikers und Brahms-Freundes Eduard
Hanslick. An allen Sinfonien außer Nr. 6, 7 und 9 nahm der Komponist, aber auch
seine Schüler Ferdinand Löwe und Josef Schalk, immer wieder Änderungen, Kürzungen
und Umarbeitungen vor. Die Eingriffe seiner Schüler nahm Bruckner billigend in
Kauf, wenn sich eine öffentliche Aufführung abzeichnete, wollte sie jedoch
nicht als seine definitive Fassung anerkannt wissen.
Bei der 4. Sinfonie sieht die Sachlage wie
folgt aus:
Die 1. Fassung wurde 1874 abgeschlossen, eine
öffentliche Aufführung ergab sich jedoch nicht. Zwei Jahre später, inzwischen
war die 5. Sinfonie vollendet, holte er die 4. wieder aus der Schublade und
unterzog sie einer gründlichen Revision, komponierte sogar ein neues Scherzo,
das uns heute geläufige sogenannte „Jagd-Scherzo". 1878 war diese Arbeit
abgeschlossen, die in der Bruckner-Forschung als 2. Fassung der 4. Sinfonie
bezeichnet wird. Wieder kam es zu keiner Aufführung. Mit dem Finalsatz war
Bruckner immer noch nicht vollständig zufrieden und unterzog ihn einer
abermaligen Revision, diese Arbeit wurde 1880, also nach der Komposition der 5.
bis 8. Sinfonie abgeschlossen. die 2. Fassung mit dem nunmehr revidierten Finale
wurde im Februar 1881 in Wien mit den Philharmonikern unter Leitung von Hans
Richter erfolgreich uraufgeführt. Bruckner war glücklich über diesen Erfolg
beim Publikum, jedoch der erste Höreindruck bewog ihn, noch einige Änderungen
in der Instrumentation vorzunehmen und den 2. Satz zu kürzen. In dieser Fassung
wurde sie im Dezember 1881 von Felix Mottl in Karlsruhe aufgeführt.
Eine Drucklegung in Deutschland scheiterte.
Der berühmte in New York wirkende Dirigent Anton Seidl wollte in der Neuen Welt
einen Verleger finden und forderte die Partitur an. Bevor sie (Ausgabe der
Uraufführung) auf die Reise geschickt wurde, musste sie sich einer erneuten
Durchsicht des Komponisten gefallen lassen, die der alten Welt verborgen blieb
aber auch in der Neuen kaum zur Kenntnis genommen wurde, sie fristete
jahrzehntelang in der New Yorker Columbia Universitäts-Bibliothek ein
unbeachtetes Dasein, bis sie eines Tages wiedergefunden und der
Brucknerforschung zugänglich gemacht werden konnte. Diese Fassung müssen wir
als Bruckners letztes Wort in Bezug auf die 4. Sinfonie ansehen, als letztendgültige
(=3.) Fassung ansehen.
1889 erschien in Wien ein Erstdruck, der sich
jedoch nicht mit Bruckners bis zu diesem Zeitpunkt dargelegten Absichten deckte.
Ab dem Jahr 1932 erschien eine wissenschaftlich abgesicherte Gesamtausgabe der
Werke Anton Bruckners, die von Robert Haas herausgegeben wurde. 1936 erschien
der Band mit der 4. Sinfonie (Stand 1878/80), er erhielt zur Unterscheidung zur
früheren Veröffentlichung den Zusatz „Original-Fassung". R. Haas kannte
zu diesem Zeitpunkt Bruckners spätere Änderungen noch nicht. Erst Leopold
Nowack war es vergönnt, diese in seiner 1953 erschienenen „neuen"
Original-Fassung einzuarbeiten und der Musikwelt bekannt zu machen. Er nannte
sie jedoch auch Fassung 1878/80, etwas verwirrend, da er die späteren Änderungen
einarbeitete, welche die Gestalt der Fassung 1878/80 jedoch nicht wesentlich veränderte.
Als Original-Fassung müssen wir heute alle
von Bruckner ausdrücklich sanktionierten Ausgaben erkennen: die erste Fassung
von 1874, sowie die 2. Fassung in den Editionen R.Haas und L.Nowack, wobei
letztere Bruckners letztendgültige Vorstellungen darlegt.
Zur Diskographie:
Für die erste Gesamtaufnahme einer
Bruckner-Sinfonie wurde die 4. ausgewählt, die Aufnahme entstand 1936 in
Dresden mit der Sächsischen Staatskapelle unter Leitung von Karl Böhm für HMV,
ein Jahr später erfolgte die Aufnahme der 5. Sinfonie mit denselben Künstlern.
Böhms Aufnahmen lagen die soeben erschienenen Original-Fassungen von Robert
Hass zugrunde. Die zweite Aufnahme wurde 1951 mit den Wiener Symphonikern unter
Leitung von Otto Klemperer für VOX produziert. Die Musiker spielten jedoch
nicht aus den Noten der Hass-Ausgabe, die der soeben aus dem amerikanischen Exil
nach Europa zurückgekehrte Klemperer vermutlich noch nicht kannte. Dem
Rundfunk-Mitschnitt von Hans Knappertsbusch aus Berlin 1944 sowie seiner
Plattenaufnahme aus Wien 1955 liegen auch anderes Notenmaterial zugrunde.
Nach meiner Erkenntnis nehmen die
Schallplattenfirmen die Begriffe „Ausgabe R.Haas", „Ausgabe L.Nowack"
oder „Original-Fassung" auch heute noch nicht sehr genau. Furtwängler
ließ angeblich die Haas-Ausgabe spielen, was durchaus glaubhaft ist, da die
Nowack-Ausgabe damals noch nicht erschienen war. Das Scherzo hat bei Furtwängler
beim ersten Erscheinen jedoch einen anderen, leisen Schluss, bei der
Wiederholung nach dem Trio einen lauten, fast ähnlichen, wie wir ihn von Nowack
kennen (auch Knappertsbusch lässt so spielen). Andere CDs mit dem Hinweis
„Ausgabe Robert Haas" klingen wie bei Nowack!
Nach dem vergleichenden Hören von mehr als fünfzig
Aufnahmen muss ich feststellen, dass sich die Originalfassung von L. Nowack
inzwischen durchgesetzt hat. Trotzdem gibt es nahmhafte Dirigenten, die sich auf
Nowack berufen, hier und da Zusätze bringen, etwa einen Beckenschlag im letzten
Satz beim ersten Höhepunkt hinzufügen (T.76 auf 2): z.B. Jochum in allen drei
Aufnahmen. Der geht wohl auf die Haas-Ausgabe zurück, Furtwängler,
Knappertsbusch, Karajan 1975, Tennstedt, Skrowaczewski, Horvat und Barenboim
bringen ihn auch. In den beiden Aufnahmen unter Leitung von Bruno Walter
spiegelt sich die geänderte Quellenlage: während der Mitschnitt von 1940 noch
viele Textabweichungen zu Haas enthält, so wendet sich der älteste hier
vertretene Dirigent in seiner späten Aufnahme zwei Jahre vor seinem Tode noch
der Neuausgabe von Leopold Nowack zu.
Auf eine Besonderheit im 4. Satz möchte ich
noch hinweisen, die auch von Interpreten übersehen wird: da hat doch Bruckner,
wie zuvor schon Joseph Haydn zu Beginn seiner „Schöpfung", tatsächlich
ein Chaos für Orchester komponiert. Der Satz beginnt leise und langsam, das
Anfangsmotiv erscheint viermal in ganzen Noten, danach zweimal in halben und
dann wieder viermal in Viertelnoten, unterbrochen jeweils durch eine
Viertelpause, danach in Viertelnoten ohne Pause. Bruckner komprimiert also das
Motiv und schafft den Eindruck einer Beschleunigung. Zusätzlich spielen ab T.29
die Hörner das Horn-Motiv aus dem Scherzo in Viertelnoten mit Triolen, ab T.34
dasselbe in Achteln, wobei Horn 1 und 2 zwei Achtelnoten mit anschließender
Achteltriole fortlaufend spielen, Horn 3 und 4 gleichzeitig den Rhythmus
umgekehrt darbieten. Ab T.35 treten drei Trompeten mit dem Scherzo-Motiv in
Vierteln mit Triolen dazu, von T.39 an Trompete 1 nicht mehr triolisch zusammen
mit Holzbläsern und Violine 1. Die anderen Streicher legen einen flirrenden
Klangteppich aus. Im Takt 35 verstärken noch die drei Posaunen wiederum mit dem
Scherzo-Motiv den aus den Fugen geratenen Klang. Das alles steht unter einem
riesigen crescendo-Bogen ab Takt 27. In den Takten 39 bis 42 überlagern sich
dann alle Rhythmen zu einem gewaltigen Klangkonglomerat, dem Chaos. Bruckner löst
dann die gewaltig aufgebaute Spannung in den folgenden Takten auf mit dem
Kunstgriff auf, indem er alle Spieler unisono, also dieselben Tönen spielen lässt.
Manche Dirigenten schwächen die gewaltige Wirkung ab, indem sie von T. 39 bis
42 die 1. Trompete und die Tenorposaune lauter als alle anderen Instrumente
spielen lassen und so einen einigermaßen geordneten Verlauf der Musik vortäuschen,
z.B. Celibidache. Das nachfolgende Unisono spricht aber m.E. gegen diese Lösung.
Zu den Interpretationen:
Zwei unterschiedliche Ansätze schälen sich
heraus, die m.E. beide ihre Berechtigung besitzen:
Dirigenten wie Furtwängler, Kabasta,
Knappertsbusch, der jüngere Bruno Walter, Jochum und Celibidache neigen dieser
Auffassung zu, während vor allem Günter Wand , Haitink, Böhm, Harnoncourt und
Skrowaczewski den erstgenannten Ansatz vertreten.
Furtwänglers
Aufnahmen faszinieren immer wieder durch ihr lebendig organisches Musizieren.
Beide entstanden während einer dreiwöchigen Europa-Tournee, das Konzert in München
am 29.10.51 war das letzte, das Stuttgarter Konzert fand eine Woche zuvor statt.
Leider hatte der 1.Hornist an diesem Abend keinen „guten Tag", gleich
beim ersten Einsatz kiekst er, und auch bei späteren Solostellen ist eine
gewisse Unsicherheit oder Nervosität zu spüren. Die japanische Furtwängler-Gesellschaft
hat 2007 eine CD dieser Aufführung herausgebracht – die mir vorliegt -, in
der mit allerlei technischem Aufwand diese Problemstellen „bereinigt"
wurden, leider hat nach meinem Dafürhalten die Präsenz des Klanges ein wenig
darunter gelitten, es klingt etwas nach Weichzeichner. Die Aufnahme des Münchner
Konzerts ist m.W. augenblicklich nicht auf dem Markt. Interessierte Käufer
sollten genau auf das Aufnahmedatum achten!
Klemperers Aufnahmen
zeichnen sich aus durch recht flüssiges Musizieren bei nahezu konstantem Tempo,
auffallend die recht schnell genommenen Kopfsätze. Es wird klar und
durchsichtig musiziert, Gefühligkeit war nicht Klemperes Sache. Die
live-Aufnahme aus München gefällt mir am besten, alles ist sehr klar bei
ausgeglichenem Klangbild.
Jochums stets lebendige, beredte Interpretationen überzeugen immer wieder, er lässt
plastischer musizieren als z.B. Wand, das ist keine Frage der Aufnahmetechnik,
eher der Auffassung des Werkes. Jochum setzt mehr auf Kontraste, wirkt
lebendiger, fügt jedoch von Bruckner nicht vorgesehene Beschleunigungen oder
kleine Crescendi ein, wenn es ihm wichtig erscheint. Obwohl er sich auf die
Nowack-Ausgabe von 1878/80 stützt, weicht er an zwei Stellen deutlich von ihr
ab.
Alle drei Produktionen sind gelungen, die
Spielzeiten der jeweiligen Sätze decken sich bis auf ein paar Sekunden. Das
jeweilige Klangbild erreicht jedoch nicht ganz die Durchsichtigkeit der
Aufnahmen Günter Wands, alle später entstanden sind.
Karajans
beide Aufnahmen mit seinen Berliner Philharmonikern sind kurz hintereinander für
zwei miteinander konkurrierende Firmen entstanden. Die frühere EMI-Produktion
scheint mir deutlicher und geschliffener zu sein als die DGG-Aufnahme, die
jedoch lebendiger und saftiger klingt. Hier lässt das Trio im 3. Satz
aufhorchen, in dem sich zu Beginn des Ländler-Trios Flöte und Klarinette
deutlich abwechseln (auch bei Blomstedt), oft hört man hier einen Mischklang.
Die DGG-Aufnahme bringt den Beckenschlag im 4. Satz, die von EMI nicht. Auf eine
fragwürdige Retusche im 1. Satz möchte ich noch hinweisen: kurz vor der ersten
lauten tutti-Stelle lässt Karajan in T.47 die 1.Violinen nach oben oktavieren,
eingeleitet mit einem kleinen Portamento, das klingt ausgesprochen kitschig! Bei
der entsprechenden Stelle in der Reprise (T.409) lässt er ebenso verfahren.
Diese Karajan-Marotte kann man in beiden Aufnahmen bewundern. Positiv vermerkt
sei noch, dass alle Aufnahmen der Berliner Philharmoniker, auch bei Tennstedt,
Muti, Wand und Barenboim, mit einem ausdrucksstarken Blech glänzen, sehr weich
im Ansatz, aber auch majestätisch und ausgeglichen im Forte.
Von Günter Wand habe ich drei
Aufnahmen jeweils mit einem anderen Orchester vergleichend hören können, eine
vierte mit dem NdR-Sinfonie-Orchester aus dem Jahr 1990 ist auch noch auf dem
Markt, lag mir jedoch nicht vor.
Wand lässt, darin ist er Klemperer ähnlich,
nur die Musik auftreten, nicht den Interpreten. Sie wird nicht zelebriert
sondern ereignet sich, das Werk klingt von innen heraus, logisch, zwingend und
dabei sehr überzeugend, jedoch selten überschwänglich. Seine NdR-Aufnahme von
2001, seine letzte Aufnahme überhaupt, ist etwas milder ausgefallen als die
Vorgänger.
Oft wird der Name Sergiu Celibidache
mit Anton Bruckner in Verbindung gebracht, mehr als der anderer Komponisten. Für
viele Musikfreunde ist es der charismatische Bruckner-Apostel. Von den
beiden veröffentlichten live-Mitschnitten gefällt mir der aus der Berliner
Philharmonie mit dem Schwedischen Radio-Sinfonie-Orchester besser als der fast
zwanzig Jahre später in der Münchner Philharmonie aufgenommene. In der
DGG-Aufnahme wird noch nicht so absichtsvoll, so bedeutsam, dafür aber
wesentlich flüssiger gespielt als bei der EMI-Produktion. In München zerfallen
die vier Hornrufe gleich zu Beginn in Einzelabschnitte, vieles klingt viel zu
langsam und zäh. Ähnlich wie Jochum beschleunigt Celibidache an manchen
Stellen, seine Rolle als „Einpeitscher" des Orchesters stört gerade an
solchen Stellen doch sehr. Ich möchte noch auf den Schluss des 4. Satzes in
seiner Interpretation hinweisen: Hier lässt er bei Buchstabe V (T.477) Geigen
und Bratschen bis zum Schluss sehr akzentuiert spielen, die schwirrenden
32-tel-Noten sowie der triolische Rhythmus sind nicht mehr hörbar. Das klingt
sicher sehr wirkungsvoll, entspricht m.E. jedoch nicht Bruckners Absicht: ab
T.515 ändert er die Spielfiguren der Bratschen, bei Buchstabe Z treten noch
2.Oboe und 2.Klarinette verstärkend hinzu. Dies geht jedoch im lauten
Schlussgetümmel unter.
Trotz der genannten Mängel gelang es
Celibidache Bruckners sinfonischen Kosmos dem Hörer dennoch überzeugend nahe
zu bringen, im Konzertsaal wohl noch mehr als auf der Schallplatte, die er nicht
mochte.
An dieser Stelle möchte ich an einen anderen
bedeutenden Vorgänger Celibidaches am Pult der Münchner Philharmoniker
erinnern, der seinerzeit auch als bedeutender Bruckner-Dirigent gefeiert wurde:
Oswald Kabasta (1897-1946). Von ihm sind m.W. drei Aufnahmen mit
Bruckner-Sinfonien erhalten geblieben, außer der oben genannten 4. Sinfonie,
die 9., beide für den Rundfunk produziert, sowie eine reguläre Plattenaufnahme
für Electrola der 7. Sinfonie aus dem Jahr 1942 mit. Die 4. ist in den Ecksätzen
dramatisch ausgefallen, leider ist das Klangbild bei lauten Stellen durch kleine
Verzerrungen etwas gestört.
Harnoncourt:
Im Beiheft ist dargelegt, dass er durch Verwendung von Blechblasinstrumenten aus
der Brucknerzeit einen durchsichtigen Orchesterklang auch noch im lautesten
Tutti erreichen wollte, um den Holzbläserchor nicht durch das Blech zuzudecken.
Leider zeitigen auf der CD die Absichten selten Früchte, Worte und Taten finden
bekanntlich kaum eine volle Deckung.
eingestellt am 05.01.08