Das Klassik-Prisma

 

 Bernd Stremmel 

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1. Sinfonie c-Moll op. 68

Un pco sostenuto – Allegro, Andante sostenuto, un poco Allegretto e grozioso, Adagio – piu Andante – Allegro non troppo, ma con brio

Auf die lange Entstehungsgeschichte der 1. Sinfonie von Brahms soll hier nicht eingegangen werden, dazu geben diverse Konzertführer, Internetangebote sowie viele Booklets in den CD-Hüllen hinreichend Auskunft, von der umfangreichen Fachliteratur ganz abgesehen. Immer wieder zitiert wird Hans von Bülows Aussage, dass die 1. von Brahms die 10. von Beethoven sei. Ich denke, dass dieser sich dabei weniger auf die Anklänge an Beethovens Freudenthema aus der 9. Sinfonie bezieht, die in den Takten 70-72 im Hauptthema des Finales erklingen, sondern eher die seit langer Zeit bedeutendste Schöpfung des Komponisten im Auge hat, die alle Sinfonien nach Beethoven an Umfang, Gehalt, Ausdruckskraft und kompositorischer Meisterschaft übertrifft. Vielleicht hatte der Dirigent, der dem Werk den Weg in der Musikwelt ebnete, auch Schumanns Aufsatz „Neue Bahnen" im Sinn, als dieser 1853 u. a. schrieb „Ich dachte ... es würde und müsse... einmal plötzlich einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre..." Nachfolgende Schreiber verkürzten Bülows Bonmot kurzerhand in „Brahms 1. gleich Beethovens 10." und beförderten die so nicht immer zutreffenden Schlussfolgerungen. Wer sich in die Partitur vertieft, dem fallen eher Parallelen zu Beethovens 5. Sinfonie auf, ebenfalls in c-Moll: das Klopfmotiv, das den kompletten ersten Satz durchzieht, die konzentrierte thematische Arbeit, die Anlage als Final-Sinfonie mit dem jubelnden triumphalen Schluss, damit gleichzeitig verbunden die Verwendung von Posaunen nur im 4. Satz. Ebenso deutlich bezieht sich Brahms bereits am Ende der Einleitung zum ersten Satz auf den Symphoniker Beethoven, was aber in der Literatur bisher keine Beachtung gefunden hat: in den Takten 29-36 spielen – teilweise überlappt – Oboe, Flöte und Celli eine aufblühende Melodie aus Achtelnoten, die mich beim Anhören an die ausdrucksstarken Cello-Takte im zweiten Satz von Beethovens Eroica (T. 27-30) erinnern.

Die Einleitung des ersten Satzes (39 Takte) hat nicht die Funktion einer Einstimmung auf den folgenden Sinfoniesatz, wie z. B. bei Haydn, sondern in ihr sind bereits die Keime gelegt für das weitere musikalische Geschehen: die chromatische Entwicklung, das Auf- und Abbauen großer Spannungsbögen, das Musizieren über den Taktstrich hinweg und in Gegenbewegung, chromatisches Fortschreiten, das gleichzeitige Erklingen zweier Themen oder Motive. Einleitung und Hauptsatz sind unüberhörbar inhaltlich miteinander verbunden.

Die Einleitung beginnt mit einem lang gezogenen, anfangs in chromatischer Bewegung schreitenden Bogen der Geigen und Celli über 8 Takte mit einem kurzen Crescendo zum G-Dur-Zielakkord in T. 9. Dabei werden die Taktschwerpunkte auf der ersten Zählzeit stets überspielt. Über die Streicher setzt nun Brahms als Kontrast in allen Holzbläsern sowie den Bratschen eine nahezu unisono zu spielende Terzenmelodie, deren Töne sich immer in den Schwerpunkten des 6/8tel Taktes bewegen. Als dritte Gruppe spielen gleichzeitig Pauke, Kontrafagott und Kontrabässe diese 8 Takte lang einen Orgelpunkt in Achteln auf dem tiefen C, unterstützt von 2 Hörnern, die wie eine Grundierung auch den Ton C aushalten, die beiden anderen Hörner „helfen" in den ersten vier Takten den Holzbläsern. Ich habe das Wort „helfen" bewusst gewählt, da die Bläser von den Streichern oft ziemlich an den akustisches Rand gedrückt werden und ihre Melodie nur andeutungsweise zu verfolgen ist. Ob dies Brahms‘ Absicht war oder auf sein zu dieser Zeit noch nicht ausgereiftes Instrumentationsvermögen beruht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, jedenfalls ist es eine undankbare Stelle für diese Instrumente. Einigermaßen zufriedenstellend ist sie zu verfolgen z. B. bei Kempe, Wand, Steinberg, Szell-57, Giulini, Barbirolli, van Beinum, Abbado, Celibidache, Solti, Muti, Herbig, Sawallisch, Bychkov und Zinman. Gardiner stellt zu Beginn die „helfenden" Hörner ganz kräftig heraus. Viele Interpreten erschweren eine befriedigende klangliche Realisation durch eine übermäßig laute Pauke, die die Aufmerksamkeit des Hörers ablenkt. Nach einem Intermezzo T. 9-24 wiederholt Brahms die Eröffnung in den Takten 25-28, jetzt zu vier Takten komprimiert und wieder mit einem Crescendo zum abermaligen Zielakkord G-Dur im Takt 29 auf der Eins. Werfen wir noch einen kurzen Blick auf das Intermezzo. Die Musik macht auf mich den Eindruck, als befreie sie sich aus einer Fessel, was ihr in T. 18/19 auch gelingt. Brahms nimmt den Höhepunkt in Geigen, Flöte und Fagotten wieder nicht auf der Eins, sondern zieht ihn über den Takt 18 hinaus, bei den restlichen Streichern fällt er mit dem Taktschwerpunkt zusammen. Brahms hat hier extra zwei Achtel ohne Diminiendo notiert (f), die meisten Dirigenten „vergessen" jedoch den zweiten Ton, messen ihm keine Bedeutung bei. Diese Stelle ist ein Höhepunkt, wenn auch ein kleiner, immerhin ist er dem Komponisten so wichtig, dass er ihn statt mit einer, mit zwei Achteln befestigt! Im Sinne der Komposition zu hören ist es bei Konwitschny, Steinberg, Sawallisch, Krips, Abendroth, Furtwängler, Abbado, Dorati, van Zweden, Suitner, Berglund, Giulini und Kempe. Bei Dirigenten mit mehreren Aufnahmen ist festzustellen, dass sie manchmal zwei Achtel betonen, manchmal jedoch nur die erste auf T. 19: Walter, Klemperer, Wand, Karajan, Horenstein, Skrowaczewski, Gielen und Bernstein. Vor diesem, zugegeben kleineren Höhepunkt, bewegen sich die Celli und Kontrabässe den Klang grundierend (wieder) chromatisch in Achteln vom tiefem ges zum f. Ausschließlich Guilini hat das Ausdruckspotential dieser vier Takte erkannt und dargestellt, bei Eschenbach und vielen anderen erklingen die Noten mit etwas weniger Intensität. Den Abschluss der Einleitung wird, wie oben beschrieben, von einer steigenden und dann wieder fallenden Melodie der Oboe, der Flöte und des Cellos herbeigeführt. Mit viel Einfühlsamkeit bringt Bruno Walter (59) diese Stelle, gewaltig, wie aufgeblasen, klingt der Cello-Abgesang bei Stokowski-LSO, auch Giulini lässt die Celli der Wiener Philharmoniker aufblühen.

Nach dieser ausführlichen Schilderung der Einleitung beschränke ich mich beim folgenden Hauptteil auf einige wenige Stellen. Bevor das zweite Thema, dem nur ganz wenig Platz eingeräumt wird, beginnen kann, lässt der Komponist das erste nochmals in einem sanften, lyrischen Gewand erscheinen. Es wird fast unmerklich im tiefen Bereich des Orchesters durch die Celli eingeführt (T. 121 ff) und dann hell strahlend in T. 125 von den Geigen übernommen. Letztere Stelle ist nicht zu überhören, das leise Cello-Thema wird bei unaufmerksamen Dirigenten unbeachtet liegen gelassen, wenn sie die Holzbläser nicht leiser spielen lassen. Hier lässt sich gut hören, wie Brahms Themen oder Motive miteinander verschränkt, das eine ist noch nicht abgeschlossen, während das nächste schon beginnt. Deutlich hört man die Celli bei Karajan-WP, Skrowaczewski-SR, Eschenbach, Scherchen, Matacic, Bernstein, Dorati, Solti, Albrecht, Gielen, Barbirolli, Wand, Konwitschny, Mackerras, G.Herbig und Jansons. Die Wiederholung bleibt bei den meisten Dirigenten unbeachtet, besonders im Konzert. Mitten in der Durchführung, wird die Musik ganz ruhig, die meisten Dirigenten verlangsamen auch hier das Tempo, was durchaus im Sinne des Komponisten ist, der, wie von Zeitzeugen berichtet wird, sich ausdrücklich für ein Rubato-Spiel, zumindest bei seinen Kompositionen, ausgesprochen hat. Am Ende dieser „Abkühlungsphase" in T. 293 steht in der Partitur eine kurze Pause, bevor die Musik dann langsam wieder an Tempo und Lautstärke gewinnt. Jochum-53 kommt hier vollkommen zur Ruhe, danach lässt er konzentriert weiterspielen. Cello, Kontrabass und Kontrafagott, beginnen pp auf dem tiefen fis, letzteres Instrument hört man selten aus dem Orchester heraus, hier jedoch bietet sich die Gelegenheit, bei den meisten Orchestern hört man nur die Streicher, einige Dirigenten jedoch lassen dem Kontrafagott den Vortritt: Horenstein, Barbirolli, Schmidt-Isserstedt, Blomstedt, Jansons, Giulini (außer WP), van Zweden, Tennstedt, Skrowaczewski, Zinman, Otterloo, Boult, Young, Toscanini, Suitner, Konwitschny, Albrecht, Jurowski, Norrington und Gielen. Bei Furtwängler kommt die Musik in T. 293 wie bei Jochum zur Ruhe, danach beginnt er mit einem umwerfenden Crescendo bis zum Höhepunkt der Durchführung ab T. 320, das ist einmalig. Giulini hat Ähnliches im Sinn, bei ihm beginnt die Steigerung etwa T. 310. Am Ende und gleichzeitig auf der Klimax der Durchführung T. 335-342 spielen Geigen, Flöten, Oboen, und Klarinetten (meist hört man aber nur die Geigen) die chromatische Tonfolge fis-g-gis, a-b-h, c-cis-d. Furtwängler „verbessert" hier Brahms‘ Notentext, indem er die Trompeten oktaviert mitspielen lässt, bei Brahms spielen diese in den Takten 339-341 die Töne c und d, dazwischen liegt eine Achtelpause, zwei Hörner spielen auch das cis, Furtwängler fügt nun das fehlende cis auch bei der Trompete ein und legt alles eine Oktave höher, das sticht dann leuchtend aus dem Klang heraus. Einige Dirigenten folgen ihm: Karajan-77 und 87, ohne die Oktavierung: Jochum-53, Karajan-88, Jansons, Blomstedt und Muti heben hier die Hornstimme hervor. Dieser 1. Satz endet nicht triumphal sondern entspannt in Erwartung von Neuem.

Der zweite Satz ist „Andante sostenuto" überschrieben, also nicht zu langsam aber auch nicht schleppend soll er gespielt werden. Die meisten Dirigenten benötigen ca. 9 Minuten, andere wenig mehr als 8‘, z. B. Toscanini, van Zweden, Boult-BBC, Mrawinsky, Jurowski, Walter-NY, Gielen, Ancerl, Matacic, Berglund, Norrington, Chailly-Leip., Venzago und Orozco-Estrada. Mehr als 10‘ brauchen Svetlanov, Giulini-81 und 91, Konwitschny, Bernstein-WP, teilweise Furtwängler, Haitink-BSO, Böhm-WP, Celibidache-MP, die meiste Zeit benötigt Eschenbach mit 11‘12‘‘. Die ersten beiden Takte erklingen so,  als seien sie eine Frage, die folgenden beiden wie die zugehörige Antwort. Dieser „Antwort“ begegnen wir immer wieder im Verlauf des Satzes. Die „Frage“ jedoch macht sich rar. Am Ende des ersten Oboen-Solos T. 17 ff. hört man beide hintereinander: die „Frage“ von den Streichern und dem Kontrafagott – meist jedoch überspielt: gut zu hören bei Horenstein, Krips-56, Celibidache-52, Wand, Janowski, Jansons, Chailly und Orozco-Estrada – die „Antwort“ von den ersten Geigen und dem Fagott. Danach schließt sich ein Mittelteil an und in Takt 66 kehrt Brahms zum Hauptteil zurück.

Über den dritten Satz schreibt Brahms „Un poco Allegretto e grazioso". Der Satz steht in As-Dur mit einem Mittelteil in H-Dur. Graziös sollte er erklingen, keineswegs getragen, die gezupften Töne von Celli und später Kontrabässen müssen präsent sein und dürfen keinesfalls in den Klanghintergrund verbannt werden. Gut getroffen hören wir es bei Albrecht, Krips, Wand, Dohnanyi, Furtw.WP-52, -NDR, Blomstedt, Celibidache. In die Takte 37-38 schreibt der Komponist eine delikate Hornstelle, jedoch nur pp, mit Wiederholung in den folgenden Takten in ppp, das geht meist unter, aufmerksame Maestri bringen sie uns nahe: Blomstedt, Gielen-Studio, Albrecht, Mackerras, Jurowski, Wand-97, Giulini-81 und Celi-SDR. Im Anschluss an den H-Dur Mittelteil erklingt zweimal ein drei-Ton-Signal von Trompeten und Hörnern, das unmittelbar darauf von Flöten, Oboen und Fagotten wiederholt wird. Während Hörner und Trompeten keine Mühe haben Gehör zu finden, werden die Holzbläser fast nie herausgestellt und nicht wahrgenommen, am deutlichsten bringt sie Konwitschny, etwas weniger deutlich Mrawinsky, Jochum-53, Levine-93, Dausgaard und Krips-63. Die unmittelbar darauf folgenden Pizzicati der Streicher vor der Wiederaufnahme des Themas in den Klarinetten werden von Furtwängler wie eine Schicksalsfrage beantwortet. Etwas weniger expressiv, aber immer noch deutlicher als bei allen anderen, hört man sie bei Horenstein, Sanderling-71, Boult-56, Thielemann und Kondraschin, dagegen klingt Jansons-Oslo Lesart belanglos. In den Takten 130-137 bringt Brahms ein wunderbar duftiges Duett zwischen Flöte und Oboe, dabei werden sie von gezupften Tönen der Kontrabässe angetrieben. Diese köstliche Musik hat nur ein einziger (!) Dirigent richtig erfasst und umgesetzt: Kurt Sanderling in seiner ersten Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden.

Das Finale ist der umfangreichste Satz der gesamten Sinfonie, eine „Mitschuld" daran trägt die ungewöhnlich umfangreiche langsame Einleitung von 61 Takten. Diese Einleitung wiederum gliedert sich in zwei Abschnitte, die „Adagio" und „Piu Andante" überschrieben sind. Letzterer verarbeitet den berühmten Hornruf, der dann auch von der Flöte übernommen wird, danach folgt der von mir so genannte „Choral", feierlich leise gespielt von Posaunen, Fagotten und dem Kontrafagott. Anschließend bringt Brahms den Horn-/Flötenruf nochmals in komprimierter Form, danach beginnt dann in T. 62 der eigentliche Hauptteil des Finales. Ich möchte mich diesem Hornruf bei seinem ersten Erscheinen noch einmal zuwenden: die vierte Note soll etwas lauter und unmittelbar danach wieder leiser erklingen, das wird nicht sehr oft so gespielt, an Brahms‘ Vorgabe halten sich Toscanini, Suitner, Muti, Wand-82 und 96, Cantelli, Gielen, Boult-BBC, Skrowaczewski, Gielen-Studio, Krivine, Mackerras, Gardiner, Giulini-61und Orozco-Estrada . Bei der Übernahme des Hornrufs durch die Flöte möchte der Komponist noch einen absteigenden Trompetenruf e-c-g beachtet wissen, allerdings im pp, was nicht so leicht im Zusammenklang mit den übrigen Instrumenten zu realisieren ist. Wenn überhaupt, hört man meistens nur die beiden ersten Töne, alle drei erklingen hörbar bei Furtwängler-45, Bernstein-NY, Haitink-COA, Ormandy, Horenstein-SWF, Karajan-POL, Rattle, Abendroth-49, Gielen-Studio, Albrecht, Sanderling, Norrington-LCPL, Boult, Skrowaczewski, Boult-56, Giulini-62 und 81, Eschenbach, Levine-75, Beinum-51, Celi (außer Köln), Wand-82 und 97, Chailly-87 und Orozco-Estrada. Ferenc Fricsay bereichert diese kurze Episode noch, indem er vor der Trompete die 1. Posaune mit den Tönen g-c-e „mitnimmt". Auch nach dem Choral fällt Fricsays genaue Lesart der Partitur ins Ohr: hier spielen beide Hörner den Ruf abwechselnd in Engführung, bei fast allen Aufnahmen hört es sich an, als wiederhole das 1. Horn diesen Ruf mehrmals. Fricsay gelingt es, beide Hörner akustisch zu trennen, nicht ganz so deutlich, aber immer noch anerkennenswert klingt die Stelle bei Gardiner, Kubelik-BR, Venzago, Belohlavek und Maazel-BR.

Das Thema des Hauptsatzes wird von vielen Interpreten recht langsam begonnen, obwohl der Komponist ein Allegro-Tempo (mit der Einschränkung ma non troppo) haben möchte. Celibidache-58 und 87 beginnt recht zaghaft, als wolle er erst einmal das musikalische Material prüfen, richtig zügig setzen Kempe-MP und Ivan Fischer ein. Alle anderen Dirigenten beginnen moderat und ziehen das Tempo später merklich an, meist im Takt 90. Brahms hat jedoch einen Hinweis hinterlassen, wie man eine Beschleunigung anbringen kann: in Takt 94, Thema ff im ganzen Orchester, schreibt er (quasi etwas versteckt) über die Noten der 1. Geigen als führende Stimme „animato" – belebt. Günter Wand und Eugen Mrawinsky legen hier richtig los. Charles Münch lässt hier zwei Takte lang den Blechbläsern den Vortritt und verleiht dadurch dem Thema festlichen Glanz (ebenso T. 220 f). Weitere animato-Stellen verteilen sich im weiteren Verlauf des Satzes, das Gegenteil davon ist bei Brahms „dolce", hier soll die Musik so richtig ausgekostet werden, das oben erwähnte Tempo Rubato wird vom Komponisten durchaus erwünscht. Die erste dolce-Stelle beginnt mit einer schwärmerischen Oboenmelodie in T. 132, sehr gelungen bei Sanderling-71, Jochum-53, Wand-96, Kempe-MP und Celi (außer Köln). In der Reprise kehrt die Melodie wieder (T. 316 ff), diesmal von den Geigen lauter gespielt. Einige Interpreten lassen da eine wehmütige Erinnerung an Wien mitschwingen: Fricsay, Szell, Karajan-89, Wand, Boult, Otterloo, Giulini, Harnoncourt, Jansons, Mrawinsky, Jochum-53, Levine, Mackerras, Thielemann, Celibidache und Manze. T. 244 f bringt Brahms ein kurzes Duett von Flöten und Oboen aus Wechselnoten, T. 249 f. gesellt sich noch das Fagott hinzu. Begleitet werden sie von Pizzicatotönen der Celli, die nicht nur so nebenbei, sondern duftig klingen sollten! Keine der untersuchten Aufnahmen stellt mich so recht zufrieden, da die Celli zu sehr im Hintergrund bleiben, da muss ich mich mit Mrawinsky, Zinman, Haitink-BSO, Otterloo, Sanderling-71, Norrington-SWR, Cantelli, Krips-63, Albrecht, Toscanini, Cantelli, van Zweden, Horenstein-57 und 62 sowie Levine-75 und -93 zufrieden geben. T. 267 ff auf dem Höhepunkt der Durchführung kommen nun die bereits erwähnten Wechselnoten in folgender Anordnung zu Ehren (immer zweitaktig): zuerst Holz mit dem ersten Horn b-a-b-g, danach einen Ton höher nur die Holzbläser c-h-c-a und zuletzt nur Violinen 1 und Bratschen d-cis-d-as, als Abschluss und Überleitung fast das gesamte Orchester verkürzt mit den Tönen g-fis-g. Beim zweiten Auftreten, also beim Holzbläserpart lassen die meisten Dirigenten auch das Horn mitspielen, wie zu Beginn. Das klingt sehr triumphal, entspricht aber nicht Brahms‘ Vorstellungen: Holz mit 1. Horn - nur Holz - nur Streicher, sie wird nur von wenigen Dirigenten beachtet, u. a. von Young, Celibidache, Svetlanov, Kempe, Levine (nur in seiner letzten Einspielung). Der Satz und damit auch die gesamte c-Moll-Sinfonie endet mit dem anfangs leise eingeführten Choral, der nun im strahlenden ff des Blechs wie ein Triumph, ja wie eine Befreiung, heraussticht. Zuvor hat der Komponist in T. 391 das Tempo wie zu einem schnellen Marsch angezogen. Nun herrscht in unserer Interpreten-Welt eine große Meinungsverschiedenheit darüber, in welchem Tempo dieser Choral zu spielen sei. Moderne Musikologen sind der Meinung, dass er ohne Verzögerung erklingen sollte, wie es der Notentext vorgibt, progressiv denkende Dirigenten schließen sich dieser Auffassung an und handeln entsprechend. Ein paar nehmen das Tempo nur ganz wenig zurück. Andere Maestri pochen auf Brahms‘ Rubato-„Freibrief" und lassen die Bläser da ganz breit wie eine Offenbarung den Choral ausführen. Wieder andere, der größte Teil von ihnen, wählen einen Mittelweg, indem sie in den vier Takten zuvor das Tempo mehr oder weniger drosseln und dann den Choral in diesem – etwas langsameren – Tempo spielen lassen. Die richtige Lösung lässt sich hier nicht konstatieren. Nach dem vorgegebenen schnellen Tempo erklingen die Takte bei Böhm-BR, Swarowsky, Dorati, Gielen, Norrington, Harnoncourt, Zinman, Manze, Berglund und Rattle, bei Scherchen fast wie durchgepeitscht. Ein wenig langsamer, also fast im Tempo, lassen Klemperer, Münch, Szell-57, Beinum, Keilberth, Abbado, Herreweghe, Suitner, Marriner, Böhm-WP und Orozco-Estrada spielen. Ganz langsam kommt er bei Schuricht, Koussevitzky, Abendroth, Bernstein-WP und van Zweden daher. Einen jubelnden Schluss hinterlassen uns Schuricht, Toscanini, Levine-93 und van Zweden. In der Schuricht-HR-Aufnahme haben die Tontechniker jämmerlich geschludert: die Takte 435-438 wurden einfach „vergessen", so erklingt der Schluss wie kastriert!

Charles Mackerras und Riccardo Chailly gebührt Dank für die Einspielung der Erstfassung des langsamen Satzes der 1. Sinfonie. Bei der Uraufführung am 4. November 1876 sowie acht weiteren Aufführungen erklang nicht die uns bekannte Version, diese rückte erst mit der Drucklegung der Sinfonie als Brahms‘ endgültige Fassung in das Bewusstsein der Musikhörer, sondern eine Erstfassung, die dann in Vergessenheit geriet. Aus erhaltenen Stimmensätzen haben Musikforscher die Urform rekonstruiert und Mackerras und Chailly haben sie eingespielt. Vergleicht man beide, fällt es nicht schwer, eindeutig der Letztfassung den Vorzug zu geben, nicht nur aus formalen Gründen, der Erstfassung lag eine Art Rondoform zugrunde: ABACA, in der uns bekannten Letztfassung formte Brahms aus dem Notenmaterial eine dreiteilige Form: ABA. Brahms gelang mit seiner Überarbeitung sowohl eine Komprimierung als auch eine Vertiefung seiner musikalischen Gedanken. Es verwundert nur, dass der äußerst selbstkritische Komponist, der sich fast nie in seine kompositorische Werkstatt blicken ließ, nicht bereits vor der Uraufführung an eine Revision vorgenommen hat.

Bei Aufnahmen, in der die Wiederholung der Exposition des ersten Satzes gespielt wird, erscheint zu Beginn des Kommentarfeldes ein W.

 

5

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Teldec

1986

44‘14

 

Dohnanyi durchleuchtet die Partitur, schlankes, jedoch nicht leichtgewichtiges Musizieren, con brio, II Atmosphäre, III gracioso, IV hell und klar, con brio

5

Carl Schuricht

Orchestre de la Suisse Romande

archiphon

1953

39‘40

 

live – Intensität über alles, in den Ecksätzen kaum Zeit zum Atmen, einige zeitbedingte Portamenti

5

Carl Schuricht

SDR Sinfonie-Orchester Stuttgart

hänssler

1963

42‘52

 

live – Intensität, guter Spannungsauf- und -abbau, keine aufgeweichten Tempi, plastisches Musizieren, besserer Klang als bei den beiden anderen Aufnahmen – jugendlicher Brahms, jugendlicher Schuricht (83J.)

5

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

DGG

1952

47‘40

 

live, s. u.

5

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

WFG

1953

47‘03

 

live, s. u.

5

Wilhelm Furtwängler

Schweizerisches Festspielorchester Luzern

WFG

1947

46‘26

 

live, s. u.

5

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI       Orfeo

1952

46‘36

 

live, s. u.  – in EMI-Box CZS 25 2321 2 falsch als Studio 1947 bezeichnet

5

Wilhelm Furtwängler

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Tahra

1950

45‘39

 

live, s. u.

5

Bruno Walter

New York Philharmonic Orchestra

CBS     Sony      UA

1953

40‘26

 

s. u.

5

Bruno Walter

Wiener Philharmoniker

EMI       History

1937

41‘54

 

s. u.

5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS              UA

1957

42‘17

 

Szell auch hier ein unbedingter Anwalt der Partitur, sehr engagiert, con brio musiziert, zupackend, moderates Rubato, von c-Moll zu C-Dur!

5

George Szell

Cleveland Orchestra

CBS        Sony

1966

43‘22

 

wie 1957, besseres Klangbild, nicht mehr ganz so mit Blick nach vorn dirigiert, das sinfonische Gefüge wird ihm wichtiger, I E T. 17 ff Crescendo genau auf Zielton T. 19 gerichtet

5

George Szell

Schweizerisches Festspielorchester Luzern

audite

1962

42‘36

 

live - in der Auffassung wie zuvor, Szell lässt auch im Konzertsaal die Zügel nicht locker; offenes, farbiges Klangbild, Orchester klingt jedoch rauer, weniger gepflegt als das in Cleveland, Streicher etwas bevorzugt, gute Transparenz, p- und pp-Stellen wünschte man sich etwas leiser

5

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

History

1937

41‘31

 

live, s. u.

5

Arturo Toscanini

NBC Symphony Orchestra

RCA

1951

41‘04

 

s. u.

5

Arturo Toscanini

Philharmonia Orchestra London

Testament

1952

42‘01

 

live, s. u.

5

Riccardo Chailly

Gewandhausorchester Leipzig

Decca

2012

43‘36

 

s. u.

5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1958

42‘17

 

besseres Klangbild, Orchester auf gewohnt hohem Niveau, Interpretation ähnlich wie 1951, I etwas langsamer, Tempo Rubato, kommt erst ab T. 157 in Fahrt, II hellwach, keineswegs gefühlig, Oboe mit zu viel Vibrato, III Spannung-Entspannung!, IV T. 22 ff Hochspannung

5

Igor Markevitch

Symphony of the Air Orchestra

DGG

1956

43‘58

 

I gespannt, kämpferisch, mit viel Nachdruck, Tempo Rubato, II Andante espressivo, III großer Bogen gespannt, T. 98 ff mit Pathos, IV klanglich etwas rau, im Tutti kompakt, Streicher dominieren

5

Günter Wand

NDR Sinfonie-Orchester

RCA

1996

44‘53

 

live, s. u.

5

Günter Wand

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1989

46‘06

 

live, s. u.

5

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

M&A

1945

42‘14

 

live – I gute Abwechslung von Spannung und Entspannung, II erfülltes Musizieren, IV E Stringendo molto; belebte Mittelstimmen, in der Anlage ähnlich wie Schuricht 1953

5

Bruno Walter

Columbia Symphony Orchestra

CBS Sony

1959

44‘18

 

s. u.

5

Michael Gielen

SWF-Sinfonie-Orchester

Brahms-Gesellschaft

1995

41‘28

 

live – I ausdrucksvolle Einleitung, HT energiegeladen, con brio spannend, kaum Rubato, II in fließendem Tempo, trotzdem beseelt, IV unter Strom

5

Michael Gielen

 

 

 

 

 

W – 11 Tage nach der live-Aufnahme nun im Studio, Gielens Ansatz ist derselbe, I anfangs etwas geringere Spannung, IV nicht ganz das Feuer der Live-Aufnahme, auch ohne Mystik in den Olymp!

5

Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker

DGG

1990

45‘17

 

s. u.

5

Eugen Jochum

Berliner Philharmoniker

DGG

1953

45‘01

 

I Tempo Rubato, E lastend, schleppend, HT con brio, II beseelt, IV ausdrucksvolle Einleitung, breiter Choral

5

Josef Krips

Wiener Philharmoniker

Decca

1956

42‘40

 

I con brio, große Bögen, Spannung-Entspannung, Blick nach vorn gerichtet, II con gran espressione, III und IV immer das Große und Ganze im Blick, plastische Pizzicati

5

Josef Krips

Vienna Festival Orchestra

Preludio

1963

45‘39

 

I E unter Strom, HT nicht mehr so mitreißend, langsamer. mit mehr Gewicht, mehr Rubato, II con espressione, III und IV wie 1956

5

Carlo Maria Giulini

Philharmonia Orchestra London

BBCL

1962

47‘15

 

live, s. u.

 

 

 

4-5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1951

41‘22

 

leicht topfiges Klangbild, I Allegro con brio, drängend, heroisch, sehr deutlich, kaum Rubato, II spitze Oboe mit zu viel Vibrato, beseelt, III Intensität, IV im ff immer noch schlank – Spielkultur des Orchesters nicht immer auf dem jetzt gewohnten Niveau

4-5

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

EMI

1947

47‘17

 

s. u.

4-5

Wilhelm Furtwängler

Sinfonie-Orchester des NWDR Hamburg

SWF

1951

47‘24

 

live, s. u.

4-5

Wilhelm Furtwängler

RAI Sinfonie-Orchester Turin

Andromeda

1952

46‘11

 

live, s. u.

4-5

Otto Klemperer

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

Tahra                    medici arts

1955

42‘04

 

live, s. u.

4-5

Otto Klemperer

Philharmonia Orchestra London

EMI       Warner

1956/57

44‘02

 

s. u.

4-5

Otto Klemperer

Preußische Staatskapelle Berlin

Parlaphon         DGG            archiphon

1928

41‘06

 

s. u.

4-5

Günter Wand

Münchner Philharmoniker

hänssler

1997

45‘36

 

live, s. u.

4-5

Günter Wand

NDR Sinfonie-Orchester

DHM           RCA

1982

43‘35

 

s. u.

4-5

Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1959

45‘39

 

s. u.

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1977

44‘16

 

s. u.

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1987

44‘11

 

s. u.

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DGG

1964

45‘57

 

s. u.

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

Testament

1988

45‘31

 

live, s. u.

4-5

Eugen Jochum

London Philharmonic Orchestra

EMI

1976

46‘28

 

W – I ähnlich wie 1953, II Oboe T. 40 ff nervös, IV E Stringendo jetzt zahmer, insgesamt nicht so konzentriert wie 1953, breiter Choral; besseres Klangbild

4-5

Philippe Herreweghe

Philharmonisches Orchester Flandern

Rundfunkaufnahme

2000

44‘10

 

W – live, Musik immer im Fluss, Zusammenhänge werden sehr deutlich, sehr durchsichtig, etwas mehr Emotionalität hätte gut getan, I wenig Tempo Rubato, aufmerksame Pauke, IV Allegro als Grundtempo immer im Blick

4-5

Hermann Abendroth

Bayerisches Staatsorchester

Tahra

1956

41‘34

 

live, s. u.

4-5

Hermann Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig

Supraphon         Tahra

1952

41‘37

 

s. u.

4-5

Guido Cantelli

Philharmonia Orchestra London

EMI              Testament

1953

43‘03

 

rhythmisch straff, mit Nachdruck, Brahms ohne Nebel in hellem Licht, spitze Philharmonia-Oboe

4-5

Carlo Maria Giulini

Philharmonia Orchestra London

EMI

1961

46‘57

 

s. u.

4-5

Gerd Albrecht

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1992

40‘36

 

live – I schnelles Tempo, energisch, con brio, Spannung, II Atmosphäre, III gracioso: bewegtes Tempo, pulsierende Bässe, IV E T. 20-28 großer Spannungsbogen; energiegeladen, immer lockeres Musizieren, breiter Choral

4-5

Kurt Sanderling

Staatskapelle Dresden

Eterna           RCA

1971

46‘43

 

I Brahms ganz dicht auf der Spur, mit Nachdruck, Bässe werden nicht vergessen, II Adagio, erfülltes Musizieren, III T. 130 ff Flöte und Oboe im Dialog mit Kb, IV die Musik pulsiert, in lauten Abschnitten Geigen etwas rau – offenes Klangbild

4-5

James Levine

Wiener Philharmoniker

DGG

1993

44‘13

 

live, s. u.

4-5

James Levine

Münchner Philharmoniker

Oehms

2003

43‘31

 

live, s. u.

4-5

Otmar Suitner

Staatskapelle Berlin

Berlin Classics

1986

47‘53

 

W – I zügig nach vorn, energisch, Blick auch auf die Bässe, Tempo Rubato, II con anima, IV E gespannt, festlicher Ausklang

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1979

48‘48

 

orchestral sehr sorgfältig; gepflegter Klang, etwas eingedunkelt, passt besser zur 4. Sinfonie; Solti nur Moderator, tritt hinter das Werk zurück

4-5

Bernard Haitink

Sächsische Staatskapelle Dresden

Querstand

2002

45‘20

 

live, s. u.

4-5

Felix Weingartner

London Symphony Orchestra

EMI                          Iron Needle

1939

39‘34

 

I zügig gespielte E, nur etwas langsamer als HT, wenig Rubato, mehr sachlich als emotional, Urahn von Norrington?, II Pauke unterbricht T. 66, IV durchsichtig, sehr lebendig, Abfolge Horn, Holz, Geigen T. 267-273 sehr deutlich, Choral etwas langsamer

4-5

Ernest Ansermet

Orchestre de la Suisse Romande

Decca

1963

42‘42

 

helle Holzbläser, spitze Oboe, I mäßiges Rubato, Musik dargeboten, weniger interpretiert, III sehr aufmerksam, Bläser leicht und locker, IV gespannte E, sehr durchsichtig, jedoch nicht dürr, langsamer Choral

4-5

Jascha Horenstein

London Symphony Orchestra

Chesky

1962

44‘30

 

s. u.

4-5

Rafael Kubelik

Wiener Philharmoniker

Decca

1957

44‘43

 

s. u.

4-5

Istvan Kertesz

Wiener Philharmoniker

Decca

1973

46‘45

 

W – I Allegro beginnt zu früh, angemessen, II Wiener Oboe, Klangbild könnte im Tutti besser aufgefächert sein, III T. 98 ff etwas diffus, IV Viertelnoten als Viertel, weniger als Teil der betreffenden Phrase gespielt – insgesamt angenehm warmer Klang

4-5

Kyrill Kondraschin

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Rundfunkaufnahme

1980

40‘59

 

live – unveröffentlicht, I durchsichtig, aufmerksames Dirigat, mit Nachdruck, II zügig, hell, lichtdurchflutet, IV T. 22 ff aufgewühlt

4-5

Adrian Boult

London Philharmonic Orchestra

Nixa

1954

43‘19

 

trotz des Alters erstaunlich guter Klang, I energiegeladen, heroisch, II spitze Oboe, flüssiges Tempo, beseelt, Lautstärke könnte noch differenzierter sein, IV in Anlehnung an Satz 1

4-5

Adrian Boult

BBC Symphony Orchestra

ica classics

1976

43‘47

 

W – live – Klang leicht gepresst, etwas Hall, I ähnlich wie 1956, jedoch nicht immer ganz so deutlich, II flüssiges Tempo, keineswegs unruhig, lichtdurchflutet, III Horn genießt besondere Aufmerksamkeit, IV gespannte E, HT könnte in den Streichern besser artikuliert sein, festlicher Blechglanz, besonders am Ende

4-5

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DGG

1960

43‘09

 

s. u.

4-5

Wolfgang Sawallisch

London Philharmonic Orchestra

EMI

1991

44‘30

 

s. u.

4-5

Charles Münch

Boston Symphony Orchestra

RCA

1956

45‘12

 

spitze Oboe – I Musik geschichtet, mäßiges Rubato, II könnte in der Dynamik noch etwas differenzierter sein, IV großes Ritardando T. 320-325, leichte Verzerrungen am Satzende; insgesamt gelungene Interpretation

4-5

Rudolf Kempe

Münchner Philharmoniker

BASF        Acanta Scribendum

1975

43‘10

 

insgesamt schneller als die Berliner Aufnahme, ihr jedoch in der Interpretationshaltung ähnlich, II bewegt, doch nicht zu schnell, farbiges Klangbild, es fehlt jedoch etwas an Innigkeit, III drängend, IV mehr Innenspannung, erfrischend zügig

4-5

Andrew Manze

Helsingborg Symphony Orchestra

CPO

2009

45‘11

 

W – I E Allegretto, Pauke dominiert, zielstrebig voran ohne Rubati, so geht es im HT weiter, stellenweise marschmäßig, das Lyrische wird jedoch nicht übersehen, II mit Feingefühl, pp kommt jedoch zu kurz, III hier nur Mainstream, IV immer der Partitur auf der Spur, HT immer zügig voran, Horn 3 artikuliert in T. 115 abweichend von den vorangegangenen Hornrufen – moderner Brahms, farbiges Klangbild, Pauke klingt nach dem Schlussakkord nach

4-5

Simone Young

Hamburger Philharmoniker

Oehms

2007

49‘37

 

W – klangvolle Aufnahme, I E anfangs ganz langsam dann unmerklich schneller, II schön, bei der Lautstärkedifferenzierung könnte noch mehr gepunktet werden, IV breiter Choral, anschließend T. 413-416 wie ermattet, als wenn die Luft heraus wäre

4-5

Leonard Bernstein

NewYork Philharmonic Orchestra

CBS       Sony

1960

46‘03

 

helles Klangbild, I plastisches Musizieren, con brio, gemäßigtes Tempo Rubato, II con anima, III B. lässt sich Zeit, IV Choral I etwas nüchtern, stellenweise etwas plakativ, sattes Blech, vor allem am Ende

4-5

Sergiu Celibidache

Sinfonie-Orchester des SDR

DGG

1976

47‘18

 

live – fast keine Publikumsgeräusche, s. u.

4-5

Sergiu Celibidache

Wiener Symphoniker

Orfeo

1952

46‘44

 

live, s. u.

4-5

Jaap van Zweden

Niederländisches Philharmonisches Orchester

Brilliant

2002

43‘04

 

konzentriert aber auch locker musiziert, ohne immer im Hinterkopf zu haben „bedeutende Sinfonie", I E wenig Sostenuto, HT sehr bewegt, vorwärtstreibend, con brio, nervös, II bewegt, doch immer auch ausdrucksvoll; III T. 20-24 Regie?, IV breiter Choral

 

 

 

4

Ferenc Fricsay

Orchestre de la Suisse Romande

Cascavelle

1956

43‘42

 

live – spitze Oboe, I insgesamt dramatisch, Tempo nicht überhitzt, II Atmosphäre, Spannungsauf- und -abbau!, III T. 45 ff Streicher!!, IV Fricsay hält sich eng an die Tempovorgaben, scharfe Trompeten fallen aus dem Gesamtklang

4

Wilhelm Furtwängler

Orquesta Sinfonica Venezuela

WF Society UK

1954

45‘58

 

live, s. u.

4

Leonard Bernstein

Wiener Philharmoniker

DGG

1981

52‘01

 

W , live – in Tutti-Abschnitten weniger durchsichtig als 1960, I E geringere Spannung, ausgeprägtes Tempo Rubato, langsamer, auf dem Höhepunkt der Durchführung leicht tapsig, II Adagio, nicht schleppend, weniger leidenschaftlich, III beschaulich, wenig Spannung, IV Choral I scheu, geheimnisvoll

4

Neville Marriner

Academy of St. Martin-in-the-Fields

hänssler

1997

46‘03

 

W – Academy in voller Orchesterstärke, alles sehr sauber, geschliffen und poliert, Ecksätze con brio

4

Andrés Orozco-Estrada

Niederösterreichisches Tonkünstler Orchester

Oehms

P 2013

46‘25

W - Musik immer im Fluss, überwiegend lockeres und sachliches Musizieren, sehr gute Transparenz und Balance, farbiges Klangbild, Dynamik im p-Bereich etwas großzügig behandelt - kaum eine eigene Stellungnahme, glasklarer Brahms, zu Studienzwecken bestens geeignet

4

Vladimir Jurowski

London Philharmonic Orchestra

LPO  Eigenlabel

2008

43‘37

 

W, live – I E kaum sostenuto; Allegro, nach vorn, con brio, wenig Rubato, II Andante con moto, Musik immer im Fluss, weniger Ausdruck, IV Allegro

4

Riccardo Muti

Philadelphia Orchestra

Philips

1989

48‘32

 

W – I dem Satz fehlt die innere Unruhe, Klopfmotiv könnte in den Streichern etwas schärfer ausfallen, II und III am besten gelungen, IV Allegro fehlt es etwas an Biss, etwas zu langsam

4

Wolfgang Sawallisch

Wiener Symphoniker

Philips          Decca

1962

44‘02

 

s. u.

4

Pierre Monteux

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Tahra

1963

43‘02

 

live – Monteux war, wie wir wissen, auch im deutschen Repertoire gut aufgestellt; er wusste wie man diese Sinfonie interpretieren muss, ohne es nicht herauszustellen – natürlich fließendes Musizieren, keine extremen Tempi – leichtes Rauschen deutet darauf hin, dass es sich hier um keinen Original-Rundfunkmitschnitt handelt, vielleicht eine Kopie einer Radio-Sendung, klanglich nicht immer deutlich

4

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra London

EMI

1952

45‘31

 

s. u.

4

James Levine

Chicago Symphony Orchestra

RCA

1975

42‘38

 

s. u.

4

Colin Davis

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

~ 1988

45‘41

 

solide Interpretation, Stärken und Schwächen halten sich die Waage

4

Willem van Otterloo

Residenz Orchester Den Haag

Philips          Challenge

1953

43‘39

 

flaches Klangbild, I gespannte Einleitung; molto con brio, sehr viel Spannung, Tempo Rubato, II nicht sehr sensibel, unruhig, spitze Oboe mit zu viel Vibrato geblasen, hier kann man hören, wie der Klang der Oboe die Musik einer ganzen Sinfonie beschädigt, III hellwach, wenn doch nicht diese Oboe wäre!!!

4

Karl Böhm

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1969

42‘00

 

live, s. u.

4

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

DGG

1975

47‘44

 

s. u.

4

William Steinberg

Pittsburgh Symphony Orchestra

Capitol      EMI

1956

43‘36

 

gut, ohne persönliche Note, Steinberg tritt hinter das Werk zurück

4

Carlo Maria Giulini

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

hänssler

1979

49‘12

 

live, s. u.

4

Carlo Maria Giulini

Los Angeles Philharmonic Orchestra

DGG

1981

53‘16

 

W, s. u.

4

Carlo Maria Giulini

Wiener Philharmoniker

DGG                   newton

1991

51‘31

 

live, s. u.

4

Hermann Abendroth

Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig

Berlin Classics

1949

45‘32

 

s. u.

4

Antal Dorati

London Symphony Orchestra

Mercury           newton  

1959

41‘56

 

etwas scharfer Klang, spitze Oboe, I gespannte Einleitung, II Lautstärkedifferenzierung?, III Dorati heizt im Mittelteil ein, IV klingt etwas wie executiert

4

Ivan Fischer

Budapest Festival Orchestra

Channel classics

2009

46‘41

 

W – I E lustloser Beginn, HT erst ab Durchführung interessant, II alles deutlich, Musik sehr direkt, durchsichtiger Klang III Lautstärkedifferenzierung noch nicht optimal, IV energisch, mit Schwung

4

Jascha Horenstein

SWF-Sinfonie-Orchester

Vox                     Marshall

~ 1958

46‘46

 

s. u.

4

Jascha Horenstein

Orchestre National de l’ORTF

M&A

1957

44‘36

 

live, s. u.

4

Karel Ancerl

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1992

43‘15

 

I gespannte Einleitung, 1. Thema mehr festlich, erst im weiteren Verlauf auch dramatisch, durchsichtiges Klangbild, II anfangs sehr dichtes Musizieren, ab T. 39 aufgehellt, Lautstärkedifferenzierung noch nicht ausgereizt, III und IV tadellos, jedoch nicht mehr

4

Joseph Keilberth

Berliner Philharmoniker

Telefunken  Warner 

1951

43‘05

 

I vorwärtstreibend, Tempo Rubato, solide, II bewegt, doch nicht zu schnell, nicht so ausdrucksvoll, III solide, IV an etlichen Stellen bei den Phrasierungen weniger aufmerksam – Lautstärkedifferenzierung noch nicht optimal, klingt wie einmal durchgespielt, einige hörbare Schnitte in den Ecksätzen

4

Rudolf Kempe

Berliner Philharmoniker

EMI                     Testament

1959

45‘29

 

I von Streichern beherrschtes Klangbild, konzentriert, mehr sachlich als emotional bestimmtes Musizieren, II konzentriert, Musik immer im Fluss, III etwas konventionell, Pizzicati der Celli zu leise, IV Streicher und Bläser nicht immer optimal abgestimmt, solide

4

Lorin Maazel

Cleveland Orchestra

Decca

1975

48‘40

 

W, s. u.

4

Lorin Maazel

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

1998

45‘59

 

live, s. u.

4

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1972

44‘08

 

s. u.

4

Bernard Haitink

Boston Symphony Orchestra

Philips

1994

48‘15

 

s. u.

4

Leopold Stokowski

London Symphony Orchestra

Decca

1972

44‘31

 

live, s. u.

4

Valery Gergiev

London Symphony Orchestra

LSO live

2012

48‘49

 

W - live- Klangbild leider etwas entfernt, wie belegt und in Tutti-Abschnitten auch leicht kompakt, stellenweise dominieren die hohen Streicher, Höhepunkte nivelliert – I im Großen und Ganzen spannungsvoll, II Adagio, Soli der Oboe und Klarinette zu weit entfernt, IV Flöte T. 38-46 mit Vibrato, immer wieder Rubati, breite Ausdrucksskala, effektvoll

4

Mariss Jansons

Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2007

46‘44

 

live, s. u.

4

Mariss Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

Simax

1999

44‘30

 

live, s. u.

4

Christian Thielemann

Münchner Philharmoniker

DGG

2005

51‘22

 

W , live – I T. 9 nicht Ziel der musikalischen Entwicklung, gezügeltes Tempo, T. 88 plötzlich noch etwas langsamer, starkes Rubato wie bei Furtwängler, jedoch ohne dessen Spannung, T. 335 ff ohne Biss, II wie ausgewechselt, Adagio!, III T. 115 ff etwas fahl, IV T. 22 f wenig Crescendo., unruhige Pauke bei den Sechzehntel-Noten, Hauptthema beim ersten und zweiten Erscheinen leise?, T. 367 langsamer, übertrieben breiter Choral, klingt schwerfällig, keineswegs triumphierend; auch überaus ausgebreitetes Finale

4

Christian Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden

DGG

2012

46‘44

 

live – ähnlicher (romantischer) Ansatz wie zuvor bei ziemlich ähnlichen Tempi, Mittelsätze überzeugen mehr als die Ecksätze

4

Herbert Blomstedt

Sächsische Staatskapelle Dresden

Rundfunkaufnahme

1991

48‘47

 

unveröffentlicht, W, live – nie überhitztes Musizieren, I gelassen, anfangs eher lyrisch, bald jedoch mit Energie und Brio, II ruhig gesungen, III pulsierende Bässe, IV kein f sondern nur fp zu Beginn, sonst jedoch ausdrucksvoll

4

Jewgenij Svetlanov

Staatliches Sinfonie-Orchester der UdSSR

Melodya Scribendum

1982

49‘20

 

W - I E gravitätisch, maestoso, HT con brio, aber weniger Allegro II lang gezogen, con espressione, III kein grazioso, etwas zu langsam, zu gewichtig, IV breiter Choral – klangschöne Aufnahme

4

Thomas Sanderling

Philharmonia Orchestra London

Darpro

1996

47‘25

 

I durchsichtig, könnte etwas schneller sein, Tempo Rubato, Brahms-Ton getroffen, II con sentimento, Solo-Violine zu viel Vibrato

4

Hans Schmidt-Isserstedt

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Acanta

1967

44‘15

 

insgesamt sehr solide, jedoch klangliche Mängel, etwas dicht, teilweise auch ein wenig wie verschleiert, I E gespannt, energisch, II gewichtig, etwas schwerblütig, IV T. 22-28 mit großer Spannung, T. 89 triumphierend

4

Franz Konwitschny

Gewandhausorchester Leipzig

Berlin classics

1962

48‘27

 

Konwitschny kein Dirigent der großen Gesten, eher mit Blick auf ’s Detail; I E gespannt, Tempo Rubato, in richtigen Proportionen, brahmsisch (bester Satz), II Adagio, con anima, aber etwas langsam, III lässt sich Zeit, genau musiziert, IV zu langsam, zäh

4

Stanislaw Skrowaczewski

Hallé Orchester Manchester

IMP

1987

46‘47

 

solide Einspielung, I gutes Allegro-Tempo, II überzeugend gestaltet, IV E matt, T. 22 wenig Spannung

4

Stanislaw Skrowaczewski

Radio-Philharmonie  Saarbrücken

Oehms

2011

51‘50

 

W – etwas deutlicher musiziert als 1987, jedoch langsamer, besserer Klang, I Allegro nicht mehr so schnell, etwas schwerfällig, Finale überzeugendster Satz

4

Klaus Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

BBCL

1990

46‘43

 

live - I eher episch als dramatisch, etwas mehr Stringenz als 1983, II mehr Abschnitte als Bögen, IV etwas akademisch, kein richtiger Schwung

4

Neeme Järvi

London Symphony Orchestra

Chandos

1987

48‘24

 

W – I Tempo Rubato, sorgfältig und deutlich, II T. 22 f. Streicher decken Oboe zu, III Pizzicato der Celli beim Beginn und T. 115 ff. viel zu leise, T. 45-57 zu zahm, Bläserpartie T. 98 ff. zu dicht und zu schwergewichtig, IV praller Blechklang, jedoch nicht immer mit Holz bestens abgestimmt, langsamer Choral

4

Riccardo Chailly

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Decca

1987

48‘39

 

W, s. u.

4

Günter Herbig

Berliner Sinfonie-Orchester

Berlin Classics

1978

46‘03

 

I E breit, schwerblütig; deutliches Musizieren, mit Nachdruck, II etwas nüchtern, III etwas grobkörnig, IV solide

4

Sergiu Celibidache

Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester

Orfeo

1958

47‘07

 

live, s. u.

4

Kurt Masur

New York Philharmonic Orchestra

Teldec

1994

45‘38

 

live - durchsichtiges Klangbild, I breites Tempo, II belebt, III breiter Pinsel, IV ausladendes Musizieren

4

Simon Rattle

Berliner Philharmoniker

EMI

2008

44‘47

 

live – breiterer Orchesterklang als von den BPh gewohnt, I wuchtig, zäh, wenig Spannung, Orchester wird vom Dirigenten kaum geführt, irgendwie etwas bieder, II hier fühlt man sich eher in Brahms‘ Bahnen, Klarinette gestaltet Melodie T. 43-46 nicht zu Ende, IV vor dem Choral I T. 30 weniger Espessivo als gewohnt, nach dem Choral mehr, T. 316-319 wenig lebendig und expressiv

4

Carl Schuricht

Sinfonie-Orchester des Hessischen Rundfunks

Tahra

1965

42‘33

 

live – I E gezügeltes Tempo, kein zwingender Zusammenhang, immer noch viel Glut, II nicht mehr ganz mit dem Nachdruck von 1953, III Resignation spürbar, IV Blech nicht von Weltniveau – Schuricht mit 85, erreicht nicht mehr die frühere Ausstrahlung, spitze Oboe

4

John Barbirolli

Wiener Philharmoniker

EMI

1967

44‘22

 

I Tempo moderato, sehr gewichtig und deutlich, schwerblütiges Musizieren, II und III gewichtig, IV zäh; durchsichtiges Klangbild

4

Bernard Haitink

London Symphony Orchestra

LSO

2003

44‘04

 

live, s. u.

4

Rafael Kubelik

Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1983

49‘30

 

W, s. u.

4

Marek Janowski

Pittsburgh Symphony Orchestra

Pentatone

2007

45‘16

 

W – Für Janowski scheint es wichtig zu sein, dass die Musik immer in Bewegung ist, kein Verweilen; vom Andante abgesehen erlebt der Hörer eine temperamentvolle Darstellung, kraftvoll, stellenweise aufgewühlt. Andererseits jedoch interpretatorischer Gleichlauf, zu sachlich und etwas nüchtern. Klangbild etwas mulmig, hätte farbiger ausfallen können.

4

Hermann Scherchen

Orchester der Wiener Staatsoper

Westminster          EMI

1952

44‘07

 

sehr flächiges Klangbild, es klingt wie einmal durchgespielt und dann sofort aufgenommen, vieles ungeschliffen

4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS Sony

1968

45‘32

 

man kann sich an der schönen Musik erfreuen, Ormandy dringt jedoch nicht tief ins Werk ein, hinterlässt keine eigene Handschrift

4

Horst Stein

Bamberger Symphoniker

DGG

1997

48‘26

 

I gezogen, wie buchstabiert, sehr alter Brahms, II klangvoller Espressivostil, III klare Artikulation, ausgewogen, IV etwas schwerblütig – Transparenz nicht immer zufriedenstellend

4

Bruno Walter

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Andromeda

1947

42‘04

 

live, s. u.

4

Leopold Stokowski

Hollywood Bowl Symphony Orchestra

Dutton

1945

42‘24

 

s. u.

4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI

1987

51‘24

 

W, live, s. u.

4

Jírí Belohlávek

Tschechische Philharmonie Prag

Supraphon

1987

44‘02

 

I moderates Tempo, sauber musiziert, II Oboen/Klarinetten T. 38-48 wenig ausdrucksvoll, III Übergang T. 69-71 zu beiläufig, IV E ohne Biss, Flötensolo T. 38 ff. mit Vibrato – kaum f/ff – Differenzierung, unbetroffen, Belohlávek geht nicht aus der Deckung, nur solide Hausmannskost, kein sonderlich farbiger Klang

 

 

 

3-4

Klaus Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

EMI

1983

47‘28

 

I mäßige Spannung, HT eher verharrend als nach vorn blickend, II Abschnitte, T. 40 ff Ob./Klar. ohne Spannung, III klingt mehr wie ein Pflichtstück, IV T. 45 f Flöte zu viel Vibrato, T. 94-101 unterschiedliche Artikulation der Geigen, breiter Choral, mehr al fresco

3-4

Semyon Bychkov

WDR Sinfonie-Orchester Köln

Avie

2002

49‘15

 

W , live – I Einleitung wenig Spannung, Cello T. 38 ff nur Episode; lahmes Tempo, erst gegen Satzende besser, T. 197 ff. keine Spannung, da wenig Kommunikation zwischen Cello, Kontrabass und Holz, II Andante, ein anderer Brahms, III insgesamt etwas brav, mehr Einzelabschnitte, IV E Stringendo zahm, Allegro etwas zäh, durchsichtiger Klang

3-4

Leopold Stokowski

Orchestra National de France

Tahra

1958

40‘20

 

live, s. u.

3-4

Lovro von Matacic

NHK Symphony Orchestra Tokyo

Denon

1984

42‘14

 

live – I etwas nüchtern, II und III auf hohem Niveau nur durchgespielt, IV E übertriebene Paukenwirbel T. 1 und 12, keine Leidenschaft T. 22 ff.

3-4

Ferenc Fricsay

NDR Sinfonie-Orchester Hamburg

Tahra

1958

47‘11

 

live - breit ausladend, Ecksätze zu dick im Klang, Blech sprengt in diesen Sätzen an lauten Stellen den Gesamtklang, das klingt nicht immer vorteilhaft, sehr schön musiziertes Andante

3-4

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

Erato Warner

1993

47‘17

 

alle Sätze zu langsam, seltsam spannungslos, zu beschaulich, wenige Akzente, geringe Ausdruckskraft, z. B. IV T. 126-142, T. 156-163, T. 244 ff. oder T. 289 ff. – Mittelsätze besser

3-4

Emmanuel Krivine

Bamberger Symphoniker

Denon

1992

44‘25

 

Interpretation und Klang eher wie ein schwarz-weiß-Foto, tiefe Streicher hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, meist geringe Spannung

3-4

Paavo Berglund

Chamber Orchestra of Europe

Ondine

2000

44‘23

 

live – die Aufnahme klingt irgendwie flüchtig, wie nicht ausreichend geprobt, wie nur durchgespielt, Beispiel: in Satz 2 spielen die Streicher in T. 80 f. wie vorgesehen p, die Holzbläser setzen, trotz pp, zu laut ein, auch keine richtigen Höhepunkte aufgebaut

3-4

Christoph Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

Virgin

1991-93

53‘50

 

W - I E Orgelpunkt des tiefen 2.Horns!, HT langsam, fast schon schleppend, T. 293 Stillstand, andererseits Hervorhebung von sonst wenig beachteten Details, II sehr langsam, T. 40 ff. Soli zu leise, keine Spannung T. 59 f., Solo-Violine zu flackrig, III T. 115 ff. zu unbestimmt, IV E Stringendo der Streicher pp begonnen, ohne Saft, T. 22 bis zum Ende der E keine Spannung, breiter Choral

3-4

Marin Alsop

London Philharmonic Orchestra

Naxos

2004

47‘43

 

W - I E Streicher und Pauke dominieren zu sehr, HT zügiges Tempo, aber wenig differenziert, eher wie nur durchgespielt, Klarinetten und Horn T. 148 ff. im luftleeren Raum, da Streicher zu leise, II Alsop lässt sich Zeit, alles da, das Innere dieser Musik nicht geweckt, III zu glatt, IV HTh  T. 62 ff. etwas gezogen, wenig Akzente – sauberes Musizieren, Klang jedoch wenig Klang

 

 

 

3

Hans Swarowsky

Süddeutsche Philharmonie

Intercord        Membran       Weltbild

1975

44‘29

 

I Allegro non troppo!, akademisch, enttäuschend, II es passt alles zusammen, ist jedoch nicht immer aufeinander bezogen, III viel zu nüchtern, Streicher spielen nicht mit, sondern neben den Bläsern her, IV E Stringendo nur ein Lüftchen, T. 22 ff ohne Spannung, ohne Schwung

3

Kurt Sanderling

Berliner Sinfonie-Orchester

Capriccio

1990

50‘30

 

I E molto Sostenuto; zu langsam, wie buchstabiert, ohne den Biss der früheren Aufnahme, II vorsichtig, ohne Emphase, III lahm, IV am besten gelungen, kann jedoch die Einspielung nicht mehr retten

3

Jewgenij Mrawinsky

Leningrader Philharmonie

Memoria

1950

42‘29

 

flächiges Klangbild, durchgehend leichte Verzerrungen, Bassbereich zu dünn, I Oberstimmen zu sehr im Vordergrund, Tempo Rubato, II nüchtern, IV E weniger Spannung, wabernder Trompetenklang T. 30 ff – Interpretation besser als ihre Präsentation

3

Djansug Kachidze

Tiflis Symphony Orchestra

HDC

P 2001

45‘54

 

Brahms aus Georgien: Kachidze lässt so musizieren, als wäre alles gleichbedeutend, in den schnellen Sätzen kraftvoll, jedoch sehr robust, wie nur durchgespielt. Über Details wird hinweg gesehen, die Musik bleibt stellenweise unentschlossen, wie nur nebenbei, wie nur an der Oberfläche. Dazu kommen orchestrale Mängel.

 

Aufnahmen in historischer Aufführungspraxis, zum Teil mit Instrumenten der Brahmszeit:

 

5

Thomas Dausgaard

Schwedisches Kammerorchester

BIS

2011

44‘30

 

W – E wenig sostenuto, Zieltöne T. 9 und T. 29 angesteuert, vorwärts, an wenigen Stellen leichtes Vibrato; emotionale, aufgewühlte Darstellung, II sich Zeit nehmend und auf die Musik hören, III Musizierlaune, elektrisierend, IV eine spannende Angelegenheit, Rubati hier etwas stärker, langsamer Choral, überzeugend!

 

 

 

4-5

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

RCA

2010

44‘43

 

W - I zügiges Tempo in der Einleitung, kaum Rubato, auch beim 2. Themenkomplex nur geringfügig langsamer, kaltes Feuer! II mehr Wärme, Musik kommt wie selbstverständlich, IV Einleitung und Hauptteil jeweils im Tempo, pulsierende Pizzicati, keine Retuschen – HIP-Interpretation, kein Vibrato!

4-5

Mario Venzago

Tapiola Sinfonietta

Sony

2016

40‘57

 

I E wenig sostenuto, Streicher und Holzbläser zu Beginn und T. 25-29 im rechten klanglichen Verhältnis – insgesamt  sehr gute Balance, und sehr gute dynamische Differenzierung, blitzsauber musiziert, letztlich jedoch eindimensional, da Brahmsches Pathos und Espressivo zu kurz kommen, Kammerorchesterformat; von der Patina einer langen Tradition gereinigt

 

 

 

4

John Eliot Gardiner

Orchestre Révolutionaire et Romantique

SDG

2007

43‘39

 

W – live – Klangbild zugunsten der Bläser verschoben, I im Tempo Rubato, II etwas unruhig, III weniger graziös, eher etwas gehetzt (T. 45-60), Bläsersatz nicht so offen, IV T. 22 ff. geringe Spannung – einzelne kleine (authentische?) Schleifer der Streicher

4

Charles Mackerras

Scottish Chamber Orchestra

Telarc

1997

45‘12

 

W – I ausgeprägtes Rubato, con brio, energisch, präsente Trompeten und Pauken, II herb, IV breiter Choral, zum Schluss dürfen sich die Posaunen ins rechte Licht setzen

4

Roger Norrington

SWR-Sinfonie-Orchester Stuttgart

hännsler

2005

45‘36

 

W, live – mehr Rubato, nicht mehr die Einseitigkeit der früheren Einspielung, missionarischer Eifer nun auf Sparflamme

 

 

 

3-4

Roger Norrington

London Classical Players

Virgin

1990

42‘31

 

W – Respekt dem Orchester! I E sofort spürt man die Peitsche, HT rastlos, fast atemlos durch den Satz, mehr Materialbewältigung als erfüllte Musik, II weiter geht’s, nur etwas langsamer, keine Wärme, lieblos herunter gespielt – von der Bedeutung Norringtons zeugen weniger seine einzelnen Aufnahmen, sondern, dass er das Tor für ein historisches Musikverständnis aufgestoßen hat.

3-4

Nikolaus Harnoncourt

Berliner Philharmoniker

Teldec

1996

47‘28

 

W, live – I Tempo Rubato, keine Spannung beim Übergang von der Einleitung zum Hauptteil, irgendwie lustlos, pflichtgemäß, II Harnoncourt zerlegt die Melodien in Einzelteile, es fehlt der Kitt, III ungeglättet, IV Pizzicato I zu akademisch, T. 22-29 zäh, T. 52-55 Harnoncourt lässt die Hörner überziehen: statt drei fast vier Viertel, raues Blech, T. 243 bereits p. Eher Harnoncourts Brahms als des Orchesters.

 

Hinweise zu Interpreten und Interpretationen

Arturo Toscanini

Toscaninis Aufnahmen der 1. Sinfonie von Brahms hinterlassen beim Hörer einen starken, im Kopfsatz sogar einen außerordentlichen Eindruck. Mit größter Vehemenz stürzt er sich in die Musik, unerbittlich schreitet er voran, in den Takten 157 ff. erleben wir einen elementaren Ausbruch von größter Tragweite, das wiederholt sich auch in den Takten 225 ff. und 430 ff.. Kein anderer Interpret hat einen solch aufgewühlten Kopfsatz hinterlassen. Der zweite Satz wird sehr ausdrucksvoll gespielt, nicht langsam, jedoch 1937 und 1951 etwas herb, beim Philharmonia Orchestra klingt die Musik dann mit mehr Wärme, lyrischer. Sehr belebt, stellenweise auch dramatisch, geht es im dritten Satz weiter und das Finale endet im jubelnden Schluss. 1952 übertrug Toscanini sein Konzept auf das ihm bis dato als Dirigent unbekannte Philharmonia Orchestra, manches klingt hier nicht mehr so elementar wie früher, auch sind die Hörner nicht mehr so präsent. Von Aufnahme zu Aufnahme verbessern sich die klanglichen Verhältnisse, die RCA-CD klingt in ff-Stellen etwas hart. In London stören einige Publikumsgeräusche.

Bruno Walter

Die Aufnahmen der Sinfonien von Johannes Brahms stellen einen großen Pluspunkt in der Diskographie dieses bedeutenden Dirigenten dar, mehr noch als seine Produktionen der von Mozart und Beethoven. Zweimal hat er den kompletten Zyklus in die Rillen gebannt, 1951 und 1953 mit den New Yorker Philharmonikern und 1959/60 in Stereo mit dem eigens für Aufnahmen mit ihm zusammen gestellten Columbia Symphony Orchestra, in dem sicher viele Mitglieder des Los Angeles Philharmonic Orchestra saßen, in der Nähe dieser Stadt verlebte Walter seine letzten Lebensjahre. Walters erste Aufnahme von op. 68 entstand bereits 1937 in Wien mit den Philharmonikern. Diese Produktion überzeugt mich neben der 53er-Aufnahme am meisten: die Einleitung des ersten Satzes kommt lastend daher, das Tempo ist mäßig, im Hauptteil überwiegt dann Dramatik, Kampf, es wird mit viel Nachdruck musiziert, für den zweiten Thementeil nimmt er das Tempo zurück, jedoch keineswegs übertrieben. Walter, wie die meisten älteren hier versammelten Dirigenten, pflegen ein Tempo Rubato, das gerade bei Brahms überzeugend klingen kann, sofern es nicht übertrieben wird. Der zweite Satz steht immer unter Spannung, Walter zieht große Bögen und füllt sie mit Ausdruck, immer ist Espressivo angesagt, für den dritten Satz gilt ähnliches. Im Finale lauscht man einer überzeugend gestalteten Einleitung, im Hauptteil verzettelt sich Walter nicht mit Einzelheiten und hat immer den gesamten Satz im Visier. Die New Yorker Aufnahme ist ihr sehr ähnlich, im ersten Satz wird mit viel con brio musiziert, es klingt oft sehr herb, hier und da wird es auch schon mal ruppig, das überzeugt mich viel mehr als die tadellos geleckten Aufnahmen unserer Zeit, die sich fast alle ähneln. Auch Walters CD mit dem Columbia Symphony Orchestra ist prima, verfügt jedoch nicht mehr über die spürbare Willenskraft der früheren Aufnahmen, auch ist das Tempo in den Ecksätzen etwas zurückgefahren. Ihr Pluspunkt ist jedoch der bessere Klang. Damit kann die live-Aufnahme aus dem Jahr 1947 mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra leider nicht aufwarten, die Acetatplatten rauschen im Hintergrund, der Klang kommt gepresst aus den Lautsprechern, die dynamische Bandbreite ist beschnitten, alles klingt wenig differenziert, topfig. Die Leistung des Orchesters an diesem Tag kommt nicht immer an die der anderen Walter-Aufnahmen heran.

Leopold Stokowski

Den Dirigenten Leopold Stokowski will man nicht unbedingt mit Johannes Brahms in Verbindung bringen, beide waren vom Wesen und Charakter doch sehr unterschiedlich veranlagte Persönlichkeiten. Immerhin liegen mir drei CDs mit der 1. von Brahms von dem anglo-amerikanischen Dirigenten vor. Stokowski eilte der Ruf voran, zu übertreiben, zu vergröbern und Effekte plakativ herauszustellen. Davon sind leider auch diese CDs betroffen. Vielleicht ahnt es der Leser bereits, es ist vor allem der blechgepanzerte Choral kurz vor Ende des vierten Satzes, der Stokowskis besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht. In der ältesten Aufnahme aus Los Angeles drosselt er ab T. 403 das Tempo, danach wird der Choral übermäßig gedehnt, man meint fast in einem anderen Stück zu sein, in den Takten 439-443 dehnt er nochmals das Tempo. Die vier folgenden Orchester-Tutti-Akkorde wirken jedoch recht mickrig –da vermisst man doch ein Portion Geschmack. Ähnlich geht es in der Pariser live-Aufnahme von 1958 zu, hier lässt Stokowski jedoch die vier Akkorde im Tempo spielen. In seiner letzten Aufnahme, auch ein Live-Mitschnitt aus London, geht es vornehmer zu, oder interessieren den 90jährigen geläuterten Maestro nicht mehr seine früheren Mätzchen? Insgesamt betrachtet ist dies die kultivierteste Interpretation mit den wenigsten Eigenwilligkeiten, aber zeitbedingt auch die langsamste und abgeklärteste von den dreien. Die restlichen Sätze klingen normal musiziert, der erste Satz wird mit viel Brio, kräftig und saftig dargeboten; der zweite leidet überall unter dem Klang spitzer Oboen, in Paris muss ich noch „quäkend" hinzufügen, in der 45er-Aufnahme lässt der Dirigent die Takte 27-37 molto espressivo musizieren, wobei der Hörer dann gratis einen Hollywoodsound mitgeliefert bekommt. In Paris klingt dieser Satz stellenweise zu laut und zu äußerlich, die Londoner Aufnahme ist hier die kultivierteste. Vergleicht man die Orchesterleistungen miteinander, so fällt das Pariser Orchester gegenüber den beiden anderen doch zurück, die Oboe spielt mit zu viel Vibrato, bei den Streichern bleiben viele Wünsche in Bezug auf Klangkultur offen, möglicherweise wurde nicht genügend geprobt. Bei der Decca-CD hege ich den Verdacht, dass es sich um einen Direkt-Transfer von der ursprünglichen LP handelt, einige nicht zu überhörende Verzerrungen lassen dies vermuten.

Hermann Abendroth

Neben Furtwängler durfte sich der um drei Jahre ältere Hermann Abendroth zeit seines Lebens der Anerkennung als berufener Brahms-Interpret erfreuen. Zu Recht, wie die drei hier aufgeführten Aufnahmen belegen. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges war er in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt. Die letzten Lebensjahre blieb er bei seinem Gewandhausorchester in Leipzig und arbeitete auch intensiv mit den beiden Rundfunk-Sinfonie-Orchestern sowohl in Leipzig als auch in Berlin, die Folge davon war, dass er im Westen kaum mehr wahrgenommen wurde. Bei zweien seiner Aufnahmen der 1. Brahms-Sinfonie sekundierte ihm das RSO Leipzig, aufgenommen für Eterna 1949 und in Prag für das tschechische (!) Label Supraphon 1952. Die jüngste Aufnahme entstand vier Monate vor seinem Tod im Jahre 1956 bei einem Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester, also dem Orchester der Staatsoper. Diese Aufnahme ist für mich die gültigste, spannendste. Sein Musizieren vor allem im ersten und letzten Satz erinnert mich an das Furtwänglers, ohne jedoch dessen brennende Intensität ganz zu erreichen. In der Leipziger Aufnahme spielt mir das Orchester zu ausgeglichen, manchmal auch zu brav, wie z. B. die Streicher im zweiten Satz T. 38 ff.. Im dritten Satz klingen dort die Bläser T. 98 ff. undeutlich. Das Klangbild ist auch flächiger als bei den anderen Produktionen. Abendroths Umgang mit dem ersten Stringendo (T. 8 ff.) in der Einleitung des vierten Satzes in allen Aufnahmen verwundert: anstatt einen Bogen zu ziehen, gliedert er die Takte ohne ersichtlichen Grund in drei Teile, damit geht viel von der Wirkung dieser Stelle verloren. Die mehr als 60 Jahre alten Aufnahmen klingen noch recht präsent, in München wurden auch einige Publikumsgeräusche mit eingefangen.

Otto Klemperer

Klemperer lässt in allen Aufnahmen immer genau am Notentext entlang spielen, am objektivsten klingt mir die alte Parlaphon-Aufnahme mit der Preußischen Staatskapelle, deren zweiter Satz sehr langsam, fast schon feierlich, musiziert wird. Die Einleitung wird gewichtig, beim POL schon schwerblütig dargeboten, hier klingt der Tutti ff-Akkord T. 29 (vor dem Oboensolo) nach dem wie abgerungen klingenden Crescendo wie ein Befreiungsschlag! Der zweiten Satz wird in Köln gespannt musiziert, ohne in Gefühligkeit abzugleiten. Klemperer spannt einen großen Bogen über die T. 27-38, den erlebt man auch beim POL, hier wird jedoch langsamer gespielt, gewichtig, jedoch nicht schleppend. Während in Köln der dritte Satz lebendig vorüberzieht, hat man beim POL den Eindruck, dass die Musik etwas zu sehr in sich ruht. Das Finale wird in beiden Aufnahmen mit gezügeltem Schwung absolviert, die Berliner Aufnahme ist deutlich schneller.

Wilhelm Furtwängler

Wilhelm Furtwängler wird zu Recht in der ganzen Musikwelt als Beethoven-, mehr jedoch noch als Brahms-Dirigent hoch gelobt und verehrt. Ins Studio ließ er sich jedoch selten locken. Er hinterließ nur eine Aufnahme der 1. Sinfonie und der Haydn-Variationen aus Wien und eine 2. Sinfonie aus London, von der 3. und 4. keine Spur, keine Aufnahme des Violinkonzerts oder des Doppelkonzerts. Umso mehr Konzertmitschnitte aus den Nachkriegsjahren bis zu seinem Tode sind seit Einführung der CD 1984 auf dem Markt, seit Wegfall der 50-jährigen Urheber-Schutzfrist werden die Aufnahmen fleißig kopiert, viele Firmen möchten sich ein Stückchen vom großen „Furtwängler-Kuchen" abschneiden. Für den Sammler besteht die Gefahr der Unübersichtlichkeit, leicht kann er sich Doubletten ein- und derselben Aufnahme in seine Sammlung holen, ohne es sogleich zu merken.

Im Falle der 1. Sinfonie sind außer der erwähnten Studio-Einspielung mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahre 1947 noch acht weitere Mitschnitte bekannt: Luzern 1947, Amsterdam 1950, Hamburg 1951, Berlin 1952 und 1953, Wien 1952, Turin 1952 und Caracas 1954, alle liegen meiner Untersuchung vor. Wer eine Furtwängler-Aufnahme kauft, muss sich im Klaren sein, dass er kein HiFi-Produkt erwirbt. Die Studio-Einspielungen der EMI wurden noch auf Schellacks produziert. Bei den Rundfunk-Mitschnitten sind immer wieder Publikumsgeräusche mit eingefangen, die meisten in Turin und Caracas. Bei letzterer Aufnahme scheint es sich um einen privaten Mitschnitt einer Radio-Sendung mit geringerer Klangqualität zu handeln, das ist nur etwas für Furtwängler-Fans, die alles von ihrem Idol besitzen müssen.

Wie dirigiert WF nun die 1. Brahms? Zuerst sollte man sagen, dass er sich bis auf ganz wenige Ausnahmen an den vom Komponisten vorgegebenen Notentext hält. Da, wo sich Interpretationsfreiräume auftun, z. B. im Tempo, in der Agogik, greift er ganz bewusst zu, viel mehr als jeder andere mir bekannte Interpret, Mengelberg ausgenommen, von dem ich jedoch keine Aufnahme der 1. kenne (ausgenommen 3. Satz). Der Hörer, der sich jahrelang mit Karajans, Böhms, Masurs, Soltis oder Wands Aufnahmen, um nur einige zu nennen, beschäftigt hat, wird hier streckenweise mit einer anderen, ich sollte sagen, vertiefenden Sicht auf Brahms‘ Erstling konfrontiert, die mich aber nach intensiver Beschäftigung, auch und gerade mit der Partitur, überwältigt. Furtwänglers Deutung steht außerhalb aller mir bekannten anderen Aufnahmen.

Ich beginne mit der Einleitung des ersten Satzes: Furtwängler führt seinen Hörern Brahms‘ Suchen nach dem richtigen Beginn seines Sinfonie-Erstlings vor. Zwar stößt Brahms gleich mit dem ersten Takt ein großes Tor auf, aber es ist kein Thema, das von Selbstvertrauen und Zuversicht kündet, schon nach 8 Takten bricht die Musik ab und weicht zweifelnden, suchenden Floskeln, von Furtwängler eindringlich nachgezeichnet (Ziehen der Streicher in T. 11/12 und 15-18). In der Berliner Aufnahme von 53 klingt es wie herausgewürgt! Bei der RAI-Aufnahme vermisse ich, dass das Crescendo bis zum G-Dur-Zielakkord auf der ersten Achtel von T. 29 durchgezogen wird, hier lässt die Kraft schon kurz vorher nach! Dieses genannte Suchen setzt sich auch im Allegro-Hauptsatz fort, der in großen Bögen gestaltet wird. In der Wiener Studio-Produktion beginnt das Allegro (beim 1. Akkord sind die Philharmoniker seltsamerweise nicht richtig zusammen) zunächst abwartend und wird dann schneller, in allen anderen Aufnahmen ist er sofort im Haupt-Tempo. Nach Abschnitten von äußerster Intensität (Bereich des 1. Themas) zieht er sich beim 2. Themenbereich zurück, das Tempo wird stark, jedoch nicht abrupt, gedrosselt, und die Spannung lässt nach, bricht jedoch keineswegs ein. Auch andere Dirigenten lassen ihre Orchester ähnlich spielen, bei Furtwängler kommt für mich noch der Eindruck des Authentischen hinzu. Brahms hat sich bei verschiedenen Anlässen ausdrücklich für das Rubato-Spielen, zumindest bei seiner Musik, ausgesprochen, aus diesem Blickwinkel sollte man Furtwänglers Deutung verstehen. In den Takten 157/58, 225/26 und 430/31 spielen die Bratschen marcato und staccato ein fallendes Motiv (Anfang des Klopfmotivs) aus drei Achteln, das sich danach mit einer punktierten Viertel verbindet und sich zu einem 3. Thema entwickelt. Die meisten Dirigenten beachten das Marcato und lassen die Bratschen kernig auftrumpfen, übersehen dabei jedoch die piano-Vorschrift, nicht so Furtwängler, bei ihm beginnt das Crescendo molto wie vorgeschrieben erst zwei Takte später. In Takt 293 der Durchführung, wenn die erhitze Musik zur Ruhe, fast zum Stillstand gekommen ist, beginnen Kontrafagott und Kontrabässe mit dem tiefen fis einen neuen Aufschwung, sie erinnern sich sicher an diese Stelle. Furtwängler zieht ab hier nicht nur das Tempo an, sondern baut auch einen riesigen Spannungsbogen auf, der das ganze Orchester in den Bann zieht, leider können sich die Holzbläser dort nicht so richtig durchsetzen. In T. 320 ist dann der Höhepunkt der Durchführung erreicht und die Reprise beginnt. Das Satzende gestaltet Furtwängler lastend schwer, die Musik klingt unerlöst, resignierend, das erreichte C-Dur bringt da nur einen schwachen Trost. Für den zweiten Satz lässt sich Furtwängler viel Zeit. Auffällig ist, wie er hier die tiefen Streicher immer wieder kräftig spielen lässt, mehr als andere Dirigenten, ihr Spiel klingt dann ausgesprochen plastisch. Ein besonderes Augenmerk lenkt der Dirigent auf den Mittelteil T. 27-66, in der er in vielen Aufnahmen die Musik bis aufs Äußerste erhitzt, etwas ruhiger geht es in Wien-47, NDR, Amsterdam und Caracas zu. Bemerkenswert dann die lange Pause vor der dem modifizierten A-Teil T. 66, wie ein Luftholen! Wie der zweite so ist auch der dritte Satz dreiteilig komponiert. Im A-Teil beschleunigt WF das Tempo ab T. 43, oder auch T. 45. Die Melodien der Klarinette, Oboe und Flöte kontrastiert Brahms mit einer unruhigen Streicherbegleitung. Oft klingt sie ziemlich neutral, nicht so bei WF, bei ihm spielen sich die Spielfiguren immer mehr in den Vordergrund, als wären sie die eigentliche Hauptstimme. Auch im dritten Satz gilt Furtwänglers besonderes Augenmerk dem Mittelteil T. 71-114, den er wieder mit Energie auflädt, die dann T. 111-114 von kräftigen Pizzicati der Streicher unter starkem Abbremsen des Tempos und der Lautstärke abgebaut wird, typisch Furtwängler! Noch hinweisen möchte ich, wie er das Orchester in den Takten ab T. 132 zum Höhepunkt T. 138 leitet und danach die Spannung wieder langsam zurückfährt. In der Einleitung zum Finale fällt Furtwänglers Umgang mit den beiden Pizzicato-Partien der Streicher ins Auge, die immer schneller und lauter werden. Vorher, in T. 5, macht er bei Geigen, Bratschen und Fagotten ein unmerkliches Ritardando, damit setzt er sich von der folgenden Pizzicato-Stelle deutlich ab (nicht in Turin und Caracas). Die Takte 22-28 spannt er wieder unter einen großen Crescendo-Bogen, der sich T. 28/29 durch die Pauke krachend entlädt. Bei der Themenvorstellung im Hauptteil wird Furtwängler bei der Wiederholung etwa ab T. 85 schneller, man spürt förmlich seine innere Unruhe bei der Gestaltung der Musik, in diesem Satzteil erlebt der Hörer wieder eindringlich Furtwänglers Kunst der Gestaltung von Spannung und Entspannung, T. 299 f. werden wir wieder Zeuge eines absoluten Stillstands! Wilhelm Furtwängler war ein Dirigent, der vor allem Werke des sinfonischen Repertoires mit einer nur ihm eigenen Überzeugungskraft so wiederzugeben vermochte, dass der Hörer glauben muss, nur so habe der Komponist sich das Werk gedacht. Diese Aussage gilt vor allem für Kompositionen aus der Romantik, bei Musik von Bach, Haydn oder Mozart scheint uns Furtwänglers Stil unpassend. Vor diesem Hintergrund können die Aufnahmen von WF kaum mit denen anderer Dirigenten verglichen werden. Wir wissen auch, dass manche Musikfreunde diese Art des Musizierens, da als viel zu subjektiv, ablehnen. Alle neun Furtwängler-Aufnahmen können als gültige Dokumente der Darstellung der 1. Sinfonie von Brahms angesehen werden. Die Aufnahmen aus Rom und besonders Caracas fallen in klang- und spieltechnischer Hinsicht etwas ab. Der NDR-Mitschnitt klingt etwas blass und man hört, dass es nicht sein Orchester war, alles ist etwas moderater ausgefallen, das gilt auch für die einzige Studio-Produktion aus Wien. Im Konzertsaal vor Publikum musizierte der Dirigent animierter. In Luzern und Amsterdam spielt er hoch motiviert, die Aufnahmen können jedoch klanglich nicht zufriedenstellen, leises Hintergrundrauschen und bei lauten Stellen kompakter Klang mit Schärfen sind nicht zu überhören. So bleiben noch die beiden Berliner Mitschnitte und der Wiener aus dem Jahre 1952, die HiFi-verwöhnten Ohren einigermaßen empfohlen werden können. Zum Schluss noch einen Hinweis auf eine weitere Furtwängler-Aufnahme (veröffentlicht von M&A, Tahra, SWF), jedoch nur ein Torso, er stammt aus des Dirigenten letztem Konzert im von Bomben zerstörten Berlin (Admiralspalast). Auf dem Programm standen die Ouvertüre zur Zauberflöte, die g-Moll Sinfonie KV 550 so wie die 1. Brahms. Das Konzert musste infolge eines Luftangriffs unterbrochen werden, von der Mozart-Sinfonie erklangen nach P. Wackernagel* nur die ersten beiden Sätze. Erhalten ist der Finalsatz der Brahms-Sinfonie, der sehr überzeugend, ja mitreißend, gelingt, die Takte 27 f. klingen so, als beschrieben sie eine Panik.

* Peter Wackernagel, Die Programme der Konzerte mit dem Berliner Philharmonischen Orchester 1922-1954, Wiesbaden 1965

Karl Böhm

Böhm dirigiert Brahms‘ 1. aus dem Geist der Klassik, das kann nicht unbedingt falsch sein, da sich der Komponist zeit seines Lebens immer wieder mit Kompositionen seiner Vorgänger intensivst beschäftigte und daraus Nutzen zog. Böhm durchleuchtet die Partitur, überall hin lenkt er seinen Blick und leitet seine Musiker zu detailgenauem Spiel an. Objektivität überwiegt eindeutig vor subjektiven Vorstellungen. Sein Dirigat ist immer beherrscht, starke Beschleunigungen, gar Temporückungen sind ihm suspekt und findet man bei ihm so gut wie gar nicht. In den Aufnahmen wird leidenschaftlich musiziert, Gefühle scheinen jedoch weitgehend ausgeklammert zu sein, deshalb springt der berühmte Funke bei ihm auch kaum über. Allerdings konnte er vor Publikum die Zügel ein wenig lockerer lassen, so auch beim Mitschnitt mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks 1969 in München, wo er hier und da auch Emotionen durchblicken lässt, z. B. im dritten Satz T. 45 ff. oder in der Einleitung zum Finale. Diese Aufnahme ist auch ein wenig zügiger dirigiert als die Studioproduktionen aus Berlin und Wien. Die Berliner Aufnahme gefällt mir von allen am besten, reicht jedoch nicht ganz an die Spitzenaufnahmen heran. Fünfzehn Jahre später in Wien wählte er deutlich langsamere Tempi, der dritte Satz klingt richtig zäh, hier ist das ganz ruhig und schön musizierte Andante sostenuto am besten gelungen. Beim Münchner Konzertmitschnitt lässt Böhm den Kopfsatz weniger dramatisch spielen als in Berlin, aber auch hier gibt es keine Geheimnisse zu entdecken, lediglich leise Stellen. Auch der zweite Satz zeigt sich weniger ausdrucksstark als in Berlin.

Jascha Horenstein

Jascha Horenstein hat um das Jahr 1956 für das amerikanische Label VOX, nicht für den Sender, eine Reihe von Aufnahmen mit dem Sinfonie-Orchester des Südwestfunks Baden-Baden (SWF) erstellt, diese Serie enthält auch eine Aufnahme der 1. Sinfonie von Brahms. Horenstein ist kein Heißsporn am Pult, emotionaler Überschwang erlebt man hier selten. Wichtiger war ihm wohl die geistige Durchdringung der Partitur, von Schritt zu Schritt lässt er seine Zuhörer Blicke in Brahms‘ Kompositionswerkstatt werfen. Seine Tempi sind als gemessen zu bezeichnen. Die Einleitung zum ersten Satz gerät ihm beim SWF-Sinfonie-Orchester sehr spannungsvoll, bei den beiden anderen Aufnahmen weniger, insgesamt wird dieser Satz auf allen CDs schwergewichtig dargeboten. Im zweiten Satz gefällt mir die Londoner Produktion am besten, entgegen von fast allen anderen Aufnahmen klingt die Musik hier zart, ohne zur Schau gestellte Expression, in den beiden anderen Produktionen bleibt er da konventioneller. Auch in den restlichen Sätzen kann mich diese CD mehr überzeugen, vor allem auch auf der klanglichen Seite. Bei der SWF-Aufnahme stören mich an ff-Stellen einige Verzerrungen. Die Pariser Aufnahme ist weniger differenziert ausgefallen, spieltechnisch wie dynamisch. Das Orchester spielt nicht so gepflegt und klingt in Tuttiabschnitten oft rau. Im Finale laufen hier die Streicher bei den Pizzicato-Stellen davon. Eine entbehrliche Veröffentlichung.

Herbert von Karajan

Karajan hat die Sinfonien von Johannes Brahms immer wieder aufgeführt und aufgenommen. Hier stehen sechs Studio-Produktionen und ein live-Mitschnitt zur Diskussion. Er scheint sich schon in seiner Anfangszeit als Kapellmeister ein Konzept der 1. Sinfonie zurechtgelegt haben, das während seiner langen Tätigkeit als Dirigent im großen und ganzen Gültigkeit behalten hat, das beweisen zumindest die Aufnahmen. Der erste Satz wird in der Einleitung sowie im Bereich des ersten Themas dramatisch musiziert, beim zweiten Thema nimmt er das Grundtempo merklich zurück, Tempo Rubato ist also angesagt, auch in den anderen Sätzen. Im Mittelteil des Andante sostenuto lässt er auf dem Höhepunkt lauter spielen als vorgesehen. Im Zuge der enormen Verbesserung der Aufnahmetechnik, an der der Dirigent immer lebhaften Anteil nahm, hätte ich mir gewünscht, dass Karajan die dynamischen Abstufungen besonders in den Mittelsätzen besser herausarbeiten würde, leider unterbleibt dies größtenteils. Im vierten Satz, meist im moderaten Tempo, lässt er bei Piu Allegro T. 39 ff. kaum schneller spielen, dann muss er das Tempo beim Choral auch nicht oder nur kaum abbremsen, allerdings leidet darunter die Wirkung dieser Stelle. Ich habe nach Abhören der sieben CDs den Eindruck gewonnen, das sich bei Karajan die Vorführung eines opulenten Klanges der Interpretation des Werkes klar überlagert, ganz besonders deutlich wird das in den Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, wo den Blechbläsern, zugegeben super, eine immer größere Rolle zugewiesen wird.

Die erste Aufnahme entstand während des 2. Weltkrieges im besetzten Amsterdam und klingt trotz der damals beschränkten Möglichkeiten recht passabel, zeitbedingte Portamenti in den Geigen dürfen nicht stören. Im vierten Satz lässt er den Choral langsam vorüberziehen. Die folgende Aufnahme aus London leidet unter der, ich habe es auch schon anderswo beklagt, sehr spitz und scharf klingenden Oboe, die gerade in der 1. Sinfonie eine herausgehobene Rolle spielt. Ihr Klang fällt unvorteilhaft aus dem Gesamtklang des Orchesters heraus und verleidet mir die Aufnahme, die für Karajan-Verhältnisse etwas flächig klingt. Die Produktion mit den Wiener Philharmonikern wurde in den Wiener Sophiensälen eingespielt und klingt fabelhaft duftig, das spürt man schon bei den ersten Takten. Damals, zur Zeit von Soltis Ring-Aufnahmen mit demselben Orchester am selben Ort, verfügte die englische Decca über hervorragende Toningenieure und Techniker, denen es immer wieder gelang, klanglich vorzügliche Aufnahmen in die Rillen zu bannen. Davon profitiert auch diese Karajan-Aufnahme, die ich subjektiv an die Spitze seiner CDs stelle. Die Berliner Einspielungen kann man auch alle als mehr oder weniger gelungen bezeichnen. 1977 lässt er im zweiten Satz den Streicherchor etwas zu schwergewichtig aufspielen, fast meint man, Brahms habe bei der Komposition an Tschaikowskys Streicherserenade gedacht. Mir fällt noch auf, dass er die Philharmoniker von Aufnahme zu Aufnahme ein klein wenig rauer spielen lässt, das ist auch bei den Beethoven-Sinfonien zu beobachten.

Im Londoner Mitschnitt aus der Royal Festival Hall 1988 spielt ein sehr großes Orchester auf, wahrscheinlich mit vierfachem Holz, dementsprechend ist das Klangbild breiter und opulenter geworden, leider wirken viele Stellen zwangsläufig etwas plakativ. Trotzdem kann man mit diesem Mitschnitt leben, das Publikum war jedenfalls begeistert.

Günter Wand

Als im Jahre 1983 Brahms 1. mit Günter Wand, damals noch auf einer EMI-LP, erschien, wurde sie von der Fachpresse hochgelobt, und sie gehört auch heute noch zu den herausragenden Interpretationen des Werkes. Hier wird werkbezogen, intensiv musiziert ohne emotionale Überfrachtung, das Klangbild ist wunderbar transparent. Der zweite Satz gelingt ausdrucksvoll, beim dritten nimmt Wand die Satzüberschrift gracioso ernst, nur im Mittelteil wird der Notenvorlage entsprechend zupackender musiziert. In der Einleitung des Finales hält sich der Dirigent beim zweimaligen Pizzicato genau an Brahms‘ Vorgabe und schafft auch ohne Mätzchen ein überzeugendes Stringendo. Im Laufe der Jahre hat Wand oder die Musikindustrie starke Konkurrenz mit weiteren Wand-Interpretationen aufgefahren, alles Konzertmitschnitte: mit dem Chicago Symphony Orchestra, nochmals seinem NDR Orchester sowie den Münchner Philharmonikern, mit denen er in den letzten Lebensjahren eine Reihe von bemerkenswerten Konzerten gab, die vom Rundfunk mitgeschnitten und vom Label hänssler auf CD „gepresst" wurden. Diese Aufnahmen sind etwas langsamer ausgefallen und Wand lässt auch etwas breiter musizieren, was jedoch nicht von Nachteil ist, ja der Dirigent gestaltet hier und da vor Publikum noch eindringlicher als früher im Studio. In seiner letzten Aufnahme aus München klingt das Orchester wieder etwas schlanker. Der zweite Satz deckt sich hier mit meiner Ideal-Vorstellung. An den Anfang stelle ich die Chicago-CD, die mich gleich mit einer faszinierenden Einleitung fesselt, in der Wand und sein Orchester mit dem musikalischen Material zu ringen scheinen. Insgesamt betrachtet sehe ich keine gravierenden Unterschiede zwischen den vier Aufnahmen, alle sind zu empfehlen.

Sergiu Celibidache

Die Sinfonien von Brahms galten zumindest in den letzten Schaffensjahren als ein Pfeiler im Repertoire des rumänischen Dirigenten. So wundert es kaum, dass viele Mitschnitte aller Sinfonien auf dem Markt sind, reguläre Aufnahmen lehnte er bekanntlich ab. Hier habe ich drei Aufnahmen der c-Moll-Sinfonie verglichen. Die älteste stammt aus einem Konzert des Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters aus dem alten Essener Saalbau. Leider ist das Klangbild etwas flächig und weist wenig Tiefenstaffelung auf. Im ersten Satz erleben die Hörer ein zähes Ringen um Brahms‘ Partitur, alle Mitwirkenden sind konzentriert bei der Arbeit. Ähnlich sieht es bei seiner letzten Aufnahme aus dem Münchner Gasteig aus, diese dauert aber noch eine Minute länger. Der Beginn der Einleitung zum ersten Satz endet nach einem kurzen Crescendo in T. 9 auf der Eins mit einem f-Tutti-Akkord, ebenso in T. 29. Bei Celibidache-MPh klingen beide Akkorde ziemlich matt, keineswegs als Ziel-Ton, als Höhepunkt, bei Celibidache-SDR nur in T. 9. Von allen drei Aufnahmen wird in dieser am konzentriertesten musiziert, mit viel Stringenz. Beim zweiten Satz gefällt mir die Kölner Aufnahme am besten, alle drei werden Adagio, nicht Andante, musiziert, aber con espressione. Bei SDR-Orchester lässt vor T. 90 die Konzentration etwas nach. Die letzte Aufnahme ist zu langsam, zu schwerfällig, das Oboen-Solo ab T. 40 klingt fast wie buchstabiert. Im dritten Satz gefallen mir die expressiven Pizzicati der Celli. Im letzten Satz lässt sich Celibidache viel Zeit für die zweigeteilte Einleitung. Bei den beiden Pizzicatostellen der Streicher vermisse ich aufgrund des langsamen Tempos mehr Ausdruck, auch der Hornruf hätte bei schnellerem Tempo gewonnen. Die Takte 22-29 hört man bei vielen Dirigenten wie elektrisiert, nicht so bei Celi, beim Münchner-Mitschnitt kommt diese Stelle nur recht zäh vom Fleck. Übrigens gefallen mir hier die ausdrucksstarken Holzbläser. In allen Aufnahmen lässt es sich der Dirigent nicht nehmen, an Steigerungsstellen seine Musiker mehr oder weniger vernehmbar anzutreiben. Im Vergleich stelle ich die DGG-CD an die Spitze. Inzwischen ist ein weiterer Mitschnitt auf dem Markt: 1952 gastierte der damalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker  im Wiener Konzerthaus die dortigen Symphoniker, am Ende des Programms stand Brahms‘ Erstling, die ich dem Stuttgarter Mitschnitt aufgrund ihrer Qualitäten zur Seite stelle. Die Tempi bleiben im bekannten Rahmen. In der Einleitung des Kopfsatzes dominieren die Streicher zu sehr, das ändert sich jedoch später zum Besseren, insgesamt wird mit Hingabe und spannungsvoll musiziert. Für den zweiten Satz, hier Adagio wie später auch, besitzt Celibidache den langen Atem, es wird mit viel Espressivo musiziert und eine gewisse Atmosphäre stellt sich ein. Im dritten Satz klingt die Klarinette bei Solo-Stellen etwas entfernt. Vom Finale wäre noch zu berichten, dass der Dirigent die einzelnen Abschnitte mittels Rubati deutlich voneinander abhebt. Selten hört man die sich abwechselnden Hörner  T. 52 ff. und T. 289 ff. so voneinander getrennt. Der Klang ist besser als erwartet, in lauten Tutti-Abschnitten jedoch, wie damals überall, kompakt. Unbedingt erwähnt werden sollte noch, dass sich Celibidache jeglicher akustischer Kommentare  enthält.

Carlo Maria Giulini

Der italienische Maestro gilt bis heute als profunder Anwalt der Orchestermusik von Brahms. Von der 1. Sinfonie liegen mir zwei Studioproduktionen sowie drei Konzertmitschnitte aus Edinburgh, München und Wien vor. Bei Beginn seiner internationalen Karriere war er sehr oft in London beschäftigt und nahm mit dem Philharmonia Orchestra für das Label Columbia zahlreiche Schallplatten auf, u. a. auch die Klavierkonzerte sowie alle Sinfonien von Brahms. Zumindest in der 1. müssen wir eine hochkarätige Aufnahme sehen: die langsame Einleitung zum Kopfsatz entwickelt sich lastend, der Hauptteil erklingt männlich, ernst, maestoso, mit Intensität. Ein Augenmerk hat Giulini auf die Hörner geworfen, die in allen Sätzen bei passenden Gelegenheiten herausgestellt werden. Der Dirigent versteht es in großen Bögen zu musizieren, die er intensiv gestaltet und mit Leben füllt. Noch eindringlicher als diese Studio-Aufnahme ist der Mitschnitt aus der Usher Hall Edinburgh, der ein Jahr später entstand. Hier können wir Giulini unter live-Bedingungen erleben, wie er große Bögen spannt, alles wird noch konzentrierter und lebendiger vorgetragen, hier und da im Detail jedoch etwas gröber. Besonders im Finale wird Giulinis Sinn für theatralische Effekte geweckt: die langsame Einleitung steht unter Hochspannung und endet in einem Pauken-Gewitter. Ab T. 375 sind wir Hörer Zeuge einer gewaltigen Steigerung, die in den Choral mündet, der in langsamem Tempo ausgebreitet wird. Gegen diese mitreißende Interpretation haben es die nachfolgenden Aufnahmen schwerer, die fast 20 bzw. 30 Jahre später entstanden sind. Auch hier wird nach wie vor konzentriert musiziert, das frühere Konzept hat noch Gültigkeit, jedoch klingt alles etwas langsamer, in schwererer Gangart, im langsamen Satz auch abgeklärter (Los Angeles). Die Finalsätze ziehen sich hin, besonders in Wien. Begeisterung wecken können diese Aufnahmen nicht mehr.

Rafael Kubelik

Zweimal hat Kubelik alle vier Sinfonien von Brahms aufgenommen. Zum ersten Mal 1957 mit den Wiener Philharmonikern für Decca. Der Dirigent war ein Espressivo-Musiker, das kann man sogleich in der Einleitung zum ersten Satz hören, aber auch im langsamen Satz, der trotzdem sehr abwechslungsreich gestaltet wird. Was gegen diese insgesamt ziemlich überzeugende Aufnahme spricht, ist ihre klangliche Präsentation mit einem weitgehend flächigen Klangbild, das die Violinen bevorzugt. Bei lauten Tutti-Abschnitten gerät der Gesamtklang auch etwas bullig. Kubelik wählt in allen Sätzen mäßige Tempi. Das verstärkt sich noch mehr in seiner zweiten Aufnahme, jetzt bei Orfeo, mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, dessen Chefdirigent er damals war. Diese Tempowahl, die entfernt an den späteren Giulini erinnert, passt eigentlich besser zum Brahms der letzten Lebenszeit und wird manchen Musikfreund irritieren. Ein Pluspunkt  ist jedoch  eine deutlich verbesserte Klangtechnik, mit der auch eine bessere Balance (Holzbläser) einhergeht, so kann der Dirigent mehr aus dem Orchester heraus holen, z. B. Nebenstimmen, die nicht nur als Füllstimmen gedacht sind. Insgesamt klingt die Aufnahme etwas dunkler als früher.

Wolfgang Sawallisch

Nachdem die Philips-Aufnahmen mit den Wiener Symphonikern wieder aufgelegt wurden, jetzt von Decca, stehen nun zwei Interpretationen zum Vergleich. Beide stehen nicht konträr gegen einander, es ist eher eine Entwicklung von der Wiener-Aufnahme zur folgenden mit dem London Philharmonic Orchestra, fast dreißig Jahre später, zu spüren. Ließ der Dirigent in Wien eher geradlinig, klar und ausgewogen spielen, übrigens bei guter Balance und Transparenz, ist in London eine Vertiefung auszumachen, der Klang bekommt mehr Farbe, hat aber auch schon ein klein wenig Fett angesetzt, dadurch wird die Transparenz, vor allem bei den tiefen Streichern wieder etwas zurückgefahren.  In Wien lässt Sawallisch den finalen Höhepunkt deutlich langsamer ausführen, in London dagegen hält  er fast das Tempo.

Bernard Haitink

Der holländische Dirigent hat zweimal Brahms‘ Sinfonien für das Philips-Label eingespielt, mit seinem eigenen Concertgebouw Orchester, dann mehr als 20 Jahre später mit dem Boston Symphony Orchestra. Im Falle der ersten kommen noch zwei live-Mitschnitte hinzu, mit der Sächsischen Staatskapelle, deren zeitweiliger Chef er nach dem Tode von Giuseppe Sinopoli war, sowie mit dem London Symphony-Orchestra. In seinen Studioproduktionen hält Haitink als Kapellmeister die Musik immer im Fluss, es gibt keine Überraschungen nach beiden Seiten, die Orchestermusiker fühl(t)en sich unter seiner Leitung immer sehr wohl. Die Bostoner Aufnahme fällt noch etwas gelassener aus als die aus Amsterdam. Im zweiten Satz atmet die Musik bei noch ruhigerer Darstellung. Im Finalsatz gebe ich der älteren Aufnahme den Vorzug, die mit mehr Inspiration aufwartet. Klanglich hat das BSO jedoch die Nase vorn. Die gültigste Aufnahme Haitinks kommt aus dem Jahr 2002 mit der Staatskapelle Dresden. Als Hörer hat man den Eindruck, dass der Dirigent im Laufe der Jahre am Werk gewachsen sei, oder ist es der Atmosphäre im Dresdner Kulturpalast geschuldet? Die Rundfunktechniker haben den runden, farbigen Klang der Staatskapelle bestens eingefangen. Im ersten Satz kann man unterschiedlicher Meinung sein, ob man dem Concertgebouw oder diesem Orchester interpretatorisch den Vorzug gibt, bei den restlichen überzeugt die Dresdner Aufnahme mehr. Beim Mitschnitt des London Symphony-Orchestras wird auf hohem Niveau gespielt, sie reicht jedoch nicht an die Dresdner heran, z. B. im zweiten Satz spürt man beim LSO nicht diese Vertiefung wie im Spiel der Staatskapelle, im Finale pulsieren hier die Bässe, beim LSO spielen sie laut, jedoch weniger elektrisierend.

Lorin Maazel

Als Nachfolger von George Szell als Chefdirigent des Cleveland Orchesters nahm Lorin Maazel alle Sinfonien von Brahms 1975/76 für Decca auf. Ebenso in München, nachdem er Nachfolger von Colin Davis am Pult des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks geworden war, es handelt sich allerdings um Konzert-Mitschnitte aus dem Münchner Gasteig. Beide Aufnahmen können mich nicht so recht begeistern. Schon die Einleitung zum ersten Satz wird nach  meinem Empfinden zu bleiern vorgetragen, auch im folgenden Hauptsatz bleibt die Musik kraftvoll und bedeutungsvoll, aber ohne rechten Drive. Das ist nicht Musik des noch einigermaßen jungen Brahms. Mit mehr als zehn Minuten tritt das Andante, hier zum Adagio mutiert, oft auf der Stelle. Maazel lässt 1975 T. 31 f. ziemlich zart musizieren, jedoch bleiben die Soli von Oboe bzw. Klarinette in beiden Aufnahmen blass. Besser gefällt der dritte Satz. Im vierten stören zu viele Rubati, in Cleveland lässt er das Hauptthema T. 62 ff. schneller als gewohnt beginnen, das überzeugt. Die Überleitung zum Finale T. 367 ff. klingt nicht geheimnisvoll, nach einem sehr breit genommenen Choral endet der Satz bedeutungsvoll, jedoch nicht überschwänglich. Ähnlich in München, da braucht Maazel für diesen Satz noch eine Viertelminute länger.

Claudio Abbado

Schon am Anfang der 70er-Jahre durfte Abbado für die DGG alle Brahms-Sinfonien mit vier verschiedenen Orchestern aufnahmen. Fast dreißig Jahre später, nach seiner Ernennung zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, kam ein zweiter Zyklus mit den Berliner Philharmonikern hinzu. Die Neuaufnahme hat auch aus künstlerischer Sicht ihre Berechtigung. Ich sehe darin eine Weiterentwicklung der Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern; hier wird mir mehr Nachdruck musiziert als früher, die starken Rubati in den Ecksätzen werden zurückgefahren, dynamische Gegensätze stärker herausgearbeitet, dadurch steigt auch die Spannung. Abbado achtet darauf, dass die Klangfarben der Bläser, aber auch der Bratschen, vorteilhaft herauskommen, das wird besonders im Andante deutlich. Das Ende der Einleitung im ersten Satz mit den wunderbaren Soli der Oboe, der Flöte und des Cellos klingt in der ersten Aufnahme wenig gestaltet, wird in Berlin nun ausdrucksvoll, keineswegs übertrieben, geformt. Die Wiener Aufnahme ist ein Anfang, keineswegs zu verachten, die Berliner schon ein Meisterstück.

Mariss Jansons

Zwei Konzertmitschnitte stehen von Mariss Jansons zur Verfügung, der erste entstand mit dem Oslo Philharmonic Orchestra (1999), der zweite mit dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks (2007). Hier sind gute Leistungen dokumentiert, mitreißen können sie mich jedoch nicht. Zunächst einmal sei bemerkt, dass, abgesehen vom dritten Satz, die Tempi im Laufe der Jahre etwas langsamer geworden sind, damit einher geht eine Zunahme eines strukturbetonten Musizierens sowie eine Vertiefung in das musikalische Material. Der zweite Satz wird jetzt zarter, mit mehr Poesie, als zuvor gespielt. Im Detail lässt Jansons etwas expressiver musizieren, z. B. T 52-61 im vierten Satz. Dagegen hält der Dirigent in der Münchner Aufnahme nicht das anfangs eingeschlagene Allegro-Tempo des ersten Satzes, auch klingt das Orchester bei lauten Tutti-Stellen etwas wuchtig. In Oslo wird der Schlusschoral breit ausgewälzt und in den letzten zehn Takten klingt das Orchester fast wie erschöpft. In München klingt es ähnlich, jedoch nicht ganz so extrem. Das Osloer Klangbild ist etwas heller als das in München.

James Levine

Schon im Alter von 32 Jahren konnte Levine mit der Aufzeichnung seines ersten Zyklus‘ aller vier Brahms-Sinfonien für RCA beginnen. 18 Jahre später folgte ein Live-Mitschnitt mit den Wiener Philharmonikern für die DGG. Diese Gelegenheit, aus Vertrauen in die kapellmeisterliche Kompetenz des Dirigenten, wird bei knapperen finanziellen Ressourcen heute keinem Jungstar mehr geboten. Aus heutiger Sicht war es ein Versprechen, dass sich erst später einlöste. Levines Aufnahme aus Chicago ist solide, klingt in den Mittelsätzen leicht routiniert und es wird in allen Sätzen recht zügig musiziert. Die Einleitung zum ersten Satz wird wenig sostenuto gespielt, die Streicher finden sich in den T.11 f. und 15-18 nicht recht zusammen, auch in der Einleitung zum Finale hält sich die Spannung in Grenzen, dort werden die Pizzicati (zu) voluminös vorgeführt. Den Allegroteil im Kopfsatz geht Levine recht energisch an, sein Blick ist nach vorn gerichtet, dabei ist es kaum verwunderlich, dass er wenig Rubato gestattet. Ähnlich gestaltet ist auch der Finalsatz. Levine bietet hier nur eine Draufsicht. Einen erfreulich gereiften Künstler zeigt der Mitschnitt aus Wien. Bei nur wenig langsamerem Tempo ist der Hörer Zeuge, wie Levine sich in das Werk hinein hört und eine spannungsvolle Interpretation abliefert, Höhepunkt ist das wunderbar gesungene Andante. Auch der Mitschnitt aus dem Münchner Gasteig 10 Jahre später kann gefallen, bei ähnlicher Werkauffassung besitzt er jedoch nicht mehr ganz die Spannung der DGG-CD, im dritten Satz sind die Pizzicati der Celli zu leise. Insgesamt wird hier noch etwas schneller musiziert. Der direkte Vergleich zeigt ein weniger offenes, entfernteres Klangbild mit geringerer Brillanz.

Riccardo Chailly

25 Jahre nach seiner ersten Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester legt der italienische Maestro eine Neuaufnahme der ersten Sinfonie im Rahmen einer Gesamtaufnahme mit dem Gewandhausorchester Leipzig vor. Sie ist voll und ganz berechtigt, da Chaillys Auffassung in den vergangenen Jahren eine Vertiefung erfahren hat, die nun zu einer maßstabsetzenden Interpretation geworden ist, gleichberechtigt neben anderen Spitzenaufnahmen in meiner Liste. In Amsterdam ließ er in großen Bögen musizieren, konnte mit den Tempi und der Agogik jedoch nicht immer überzeugen. Auch das Ausdruckspotential hätte hier und da manche Steigerung erfahren können. Es ist also eine insgesamt gute Aufnahme, wie viele andere auch, ragt aber nicht darüber hinaus. In Leipzig werden Themen, Motive und Melodien mehr geformt und klingen organischer. Abgesehen vom Andante lässt Chailly insgesamt drängender musizieren, das Prozesshafte der Musik tritt mehr hervor. Aber auch Details werden nicht überspielt, sondern geradezu neu entdeckt: in welcher Aufnahme hört man im Andante T. 3 die gestopften Hörner? Auch den Wechsel zwischen den beiden Violinen in den Takten 34-36 wird hier deutlich, aber unaufdringlich, zu Gehör gebracht. In der Einleitung des vierten Satzes schließt sich das Pizzicato der Streicher Partitur gemäß an das Vorhergehende an und bleibt im Tempo. Ebenso der Schlusschoral, der sich folgerichtig aus den vorangehenden Takten entwickelt, ohne an Leuchtkraft einzubüßen. Abschließend sei noch auf den verbesserten Klang der CD hingewiesen.

Herzlichen Dank spreche ich allen Musikfreunden aus, die mich bei dieser Arbeit durch Bereitstellung von weiteren Aufnahmen außerhalb meines Archivs unterstützten.

eingestellt am 08. 01. 2012

ergänzt am 02.10.18

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